„Was du nie siehst“ von Tibor Baumann

Was du nie siehst von Tibor Baumann eine Rezension

Was du nie siehst “ von Tibor Baumann
Zu diesem Buch behauptet der Verlag auf dem Klappentext, der Roman folge „nicht den ausgetretenen Pfaden der Literatur über behinderte Menschen“.
Da dachte ich mir, dass gilt es zu beweisen und stürzte mich in das Leseabendteuer.
Vorneweg: Mit diesem zweiten Buch, einem biografischen Roman, hat der Autor Tibor Baumann ein großartiges Stück Literatur geschaffen!
Der aus begleitenden Interviews entstandene Roman erzählt von Johann »Hansi« Mühlbauer. Er ist in einer Rockband, viel auf Reisen, arbeitet als Wildnispädagoge und als Physiotherapeut. Seit seinem zweiten Lebensjahr ist Hansi blind.
Der Roman wird durch ein Kapitel eingeleitet, welches aus der Perspektive des Autors, also Tibor Baumann, dessen Rückreise aus Portugal beschreibt, bei dieser Reise hatte er mit Hansi die Vorarbeiten für seinen Roman vollendet. Es folgt ein Kapitel, welches aus der Perspektive von Hansi beschrieben wird und auf das erste Treffen mit Tibor Baumann eingeht, wie dieses verlief und zum eigentlichen Roman führt.
Ab Kapitel 3 folgt der eigentliche Roman.
Man merkt auch im Romanteil die Recherchearbeit, die in diesen Buch stecken muss. Die innere Struktur dieses Buches ist eine fiktive Woche in Hansi Leben diese Woche, beginnt mit der Erkenntnis, sein Handy verloren zu haben. Im Speicher dieses Handy ist die Nummer einer Frau, welche die Gedanken von Hansi beherrscht.
Innerhalb dieses Rahmens werden wir als Leser*innen auf eine Reise zwischen Lebensreflexionen, Alltag und Entscheidungen für die Zukunft mitgenommen.
Diese Reflexionen des Alltags und die Entscheidungen für die Zukunft sind natürlich immer wieder geprägt von der Blindheit der Hauptfigur „Hansi“. Die Rahmenhandlung und die Anekdoten des Alltags oder der Reflexionen des Lebens, die aus der Sicht von Hansi erzählt werden sind so gut verwebt, dass nicht ganz klar wird, handelt es sich gerade um Fiktion oder ist das Teil der Recherche und somit real Erlebtes und Verarbeitetes.
Ich war mir aber öfters nicht wirklich sicher, ob überhaupt etwas fiktional ist. Denn gerade die Reflexionen über die großen Dinge des Lebens haben einen dermaßen realistischen Charakter, dass sie teils als exemplarisch für das Ringen von Personen mit Beeinträchtigungen um ihren Platz in einer Gesellschaft die sie behindert, gelten können. Falls nur die Woche an sich, also die Geschichte um das Handy herum fiktional sein sollte, und alles andere real biographisch ist, gilt es die Leistung zu würdigen, die darin liegt, über mehrere Monate extrem gut zugehört und das Ganze in eine sehr gut erzählte Gesamthandlung gebracht zu haben.
Der Sprachliche Witz, auch im Umgang mit Blindheit, oder den in der deutschen Sprache vorhandenen Metaphern, wie z.B. „hinkende Vergleiche“ welche fast nie einfach stehen bleiben, sondern von Johann Mühlbauer immer sarkastisch reflektiert werden, ist nur als genial zu bezeichnen und trifft ganz meinen Humor.
Dem Romanteil folgt eine Reflexion aus der Sicht von Tibor Baumann über das Schreiben des Buches und zu den Themen Sehen, Blindheit und Wahrnehmung und wie das den Blickwinkel beeinflusst. In diesen Teil hätte ich mir mehr Genauigkeit, im Hinblick auf die Unterscheidung von Beeinträchtigung und Behinderung gewünscht. Denn mehr Genauigkeit in diesem Punkt hätte dazu geführt, dass die von Tibor Baumann gespürten Unterschiede, was direkte Folge der Blindheit ist bzw. was die Folgen einer behindernden Gesellschaft sind noch besser zur Geltung gekommen wären. Abgeschlossen wird das Buch durch ein Interview, welches von Tibor Baumann mit Johann Hansi Mühlbauer geführt wird und sich um die Fragen dreht, die Johann »Hansi« Mühlbauer zu seiner Blindheit im Alltag am häufigsten gestellt werden.
Alles in allem ist aber der direkte Romanteil das Beste was ich von einem nichtbehinderen Menschen je zum Thema Beeinträchtigung bzw. Behinderung in literarischer Form gelesen habe.
Ich wünsche dem Autor und dem Buch was du nie siehst viele Leser*innen! Darüber hinaus ist zu hoffen, dass „Was du nie siehst “ auch Braille veröffentlicht wird.
Sollte dies dem Verlag allein nicht möglich sein, sollte dieser mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde in Kontakt treten und fragen wie eine Verbreitung in Braille möglich gemacht werden kann. Ein Barrierefreies E-Book gibt es schon ein Hörbuch ist in Planung.Inklusion statt Integration Sexualassistenz

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