Mancophilie Zur Vollkommenheit fehlt nur ein Mangel eine Rezension

Mit ihrem bereits 2014 erschienenen Buch, Mancophilie Zur Vollkommenheit fehlt nur ein Mangel  welches auf ihrer Diplomarbeit basiert, legt Ilse Martin ein Standardwerk zum Thema Mancophilie vor. Das Buch bietet einen umfassenden, sachlichen und fundierten Überblick über dieses vielschichtige Themenfeld.

Mancophilie bezeichnet die sexuelle Vorliebe für beeinträchtigte Körper und schließt verschiedene Begehren ein z.B.

1. Menschen, die Menschen mit Beeinträchtigung sexuell präferieren.

2. Menschen, die selbst gern eine Beeinträchtigung hätten.

3. Menschen, die vorgeben eine Beeinträchtigung zu haben und daraus sexuelle Erregung ziehen. 4. geht für mich aus den Schilderungen hervor das der sog. Hilfsmittelfetischismus zur Mancophilie gehört.

In der Einleitung schildert Ilse Martin wie sie dazu kommt sich mit diesem Thema zu befassen und wie ihr Zugang als Frau, die mit einer Dysmelie lebt dazu ist. Unter den Punkten 1.1-1.5 gibt es eine Definition von Paraphilie und von Mancophilie und warum Ilse Martin Mancophilie nicht den Paraphilien zu ordnet und sie erklärt weshalb sie das so sieht. Dann schildert sie einem historischen Überblick, aus dem hervorgeht, dass es schon immer Menschen ohne Beeinträchtigung gab die Menschen mit Beeinträchtigen sexuell präferieren.

Ilse Martin stellt auch dar, dass in verschiedensten Gesellschaften zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Normvorstellungen herrschten, oder bis heute herrschen, was begehrenswerte Körper sind.

Sie stellt verschiedene Aussagen der sexualpsychologischen Fachwelt zum Themenkomplex vor.

Unter 2.1 gibt sie einen historischen Einblick wie Schönheits-Norm und – Abweichung definiert wurde und wird.

Mir fehlt hier ein bisschen die Einordnung von Schönheitsidealen im real existierenden Kapitalismus und Schönheit als Ware.

Unter 2.2 – 2.3 beschreibt sie welchen Einfluss Symmetrie auf unser ästhetisches Empfinden hat und welchen Einfluss Blicke auf unser Fremd- und unser Selbstbild haben.

Unter 2.4 beschreibt sie in einen Abriss die Formierung der Amelos, so eine der Selbstbezeichnungen von Menschen die Menschen mit Beeinträchtigungen vor allem Amputationen sexuell anziehend finden. Dafür wird auf Vereinszeitschriften eingegangen und wie sie organisiert sind. Dabei wird auch stets auf die Ambivalenz, die das Thema hat, weil bei vielen Menschen mit Beeinträchtigungen Amelos nicht wohlgelitten sind, eingegangen.

Unter 2.5 gibt es Ausführungen zum Werk verschiedener bildender Künstler*innen, die sich in ihrem Werk viel mit Behinderung auseinander gesetzt haben. Mir wurde dabei nicht ganz klar, warum sie in diesem Buch Erwähnung finden. Denn es wird nicht bei allen ersichtlich, dass diese Ausführungen etwas mit sexueller Präferenz zu tun haben.

Ilse Martin führte in diesem Zusammenhang bereits 2007 ein sehr gutes Interview mit einem Fotografen, der zu dieser Zeit schon 30 Jahre lang behinderte Frauen fotografiert hatte, Auslöser dafür war bei ihm die sexuelle Beziehung zu einer amputierten Frau. Eine Aussage in diesem Interview ist erschreckend aber auch bezeichnend für unsere Zeit: der Fotograf äußert seine Wahrnehmung, nach der ein Mann nach einer Amputation immer noch ein Mann sei, aber eine Frau nur noch als Neutrum wahrgenommen würde.

Unter 2.6 schreibt Ilse Marin über Filme, Filmemacher und Darsteller und andere Fernsehformate in denen Behinderte Körper eine Rolle spielen und die somit zum Teil Kultstatus unter Amelos erreichten, bzw. in denen dieses Phänomen kritisch beleuchtet wird. Hier wird deutlich, dass behinderte Menschen häufiger ablehnend zu solchen Formaten stehen. Es gibt aber auch bei ihnen positive Stimmen, hier sei z.B Theresia Degener eine der wichtigsten Behindertenaktivist*innen der 80er und bis heute genannt. Martin macht aber auch deutlich, woher diese Ablehnung kommt, nämlich auf das leider oft nicht auf Konsens ausgerichtete Verhalten der Amelos.

In Kapitel 2.7 geht es um Belletristik.

Unter Punkt 3 folgt eine Definition des Begriffs „Behinderung“. Hier folgt Ilse Martin der Definition der WHO, die sich aus nachfolgenden Elementen zusammensetzt:

1. Störung auf organischer Ebene

2. Störung auf personalen Ebene und

3. Benachteiligung

Für diese Thematik, meines Erachtens, ein sehr guter Schritt, denn es kommt sehr auf Selbstbild und Fremdbild an.

Unter 3.1 folgt ein kurzer Abriss über den Begriff Körperbehindert und unter 3.1.1 ein kurzer Abriss zum Wort „Handicap“.

3.2 befasst sich mit Dysmelie.

Dass diese Punkte an dieser Stelle kommen ist, für mich nicht nachvollziehbar. Sie wären im Anschluss an die Definition von Mancophilie weiter vorne im Buch sinnvoller und hilfreicher gewesen.

3.3 trägt die Überschrift: „Wie beschreiben Menschen mit Behinderung ihre Wahrnehmung literarisch; wie sehen sie ihre Position in der Gesellschaft kommen?“

Es werden, meiner Ansicht nach vier völlig willkürliche Kurzbiographien, welche diesen Punkt klarmachen sollen, vorgestellt.

3.4 bietet einen Abriss über historische Äußerungen zur Stellung körperbehinderter Menschen in der Gesellschaft.

Unter 3.5 schreibt Ilse Martin über den verheerenden normativen Umgang der Gesellschaft mit Sexualität und Behinderung, der dann auch dazu führt, dass es als sonderbar erachtet wird, wenn Beeinträchtigung als sexuell anziehend betrachtet wird.

Unter 3.6 schreibt Ilse Martin Interessen und Verhaltensmuster mancophiler Menschen. In Bezug auf einen mancophilen Mann kathegorisiert sie diese in fünf Typen.

4. und 4.1 beschreibt weitere Studien zu Mancophilie und fragt, zurecht, warum es keine neueren Studien dazu gibt. Denn die jüngste Studie ist aus dem Jahr 1979.

Gemeinsamkeiten von Behinderten Menschen und mancophilen Menschen werden im Kapitel 4.5. erörtert.

Unter den Punkten 5 – 7.3 gibt Ilse Martin Einblicke in ihre wissenschaftliche Vorgehensweise und ihre Ergebnisse.

In den Abschnitten 8 – 8.4 geht Ilse Martin darauf ein, wie Amelos ihre Präferenz ausleben. Sie geht aber auch auf Fakes und auf Stalker ein, also auf die unschönen und nicht akzeptablen Verhaltensweisen mancher Amelos.

In Kapitel 8.5 wird angesprochen, dass es Amelos gibt, die Nichtbehinderte Partner*innen haben, bei Seitensprünge aber ausschließlich beeinträchtigte Partner*innen wählen dabei aber ihre Beziehung zur festen Partner*innen verschweigen. Bei diesem Phänomen ist aber der Umgang mit einem Seitensprung das was den Ausschlag gibt und nicht die mancophile Vorliebe.

Auch wenn ich die Struktur des Buches zuweilen verwirrend fand ist Ilse Martin ein großer Dank aus zu sprechen, bereits 2014 dieses Buch vorgelegt zu haben.

Mein Fazit ist, dass dieses Thema mittlerweile offener verhandelt wird.

Ich würde mich der Definition der Mancophilie als Fetisch anschließen. Daraus folgend würde ich mir eine Diskussion darüber wünschen, ob nicht jegliche sexuelle Praxis und Präferenz einen Fetischcharakter hat, oder eben keine denn ist es wirklich von Bedeutung ob ein Mensch einen anderen Menschen sexuell anziehend findet weil diese*r eine große/kleine Brust einen großen/kleinen Hintern oder eben einen fehlenden Arm oder ein fehlendes Bein hat oder vielleicht blind ist?

Mancophilie muss in all ihren Ausprägungen dem gesellschaftlichen Stigma entrissen werden. Dabei hat der Grundsatz zu gelten, dass sexuelle Beziehungen immer auf Konsens der Sexualpartner*innen beruhen müssen.  Dies wiederum heißt, die sexuelle Präferenz der/des einen Sexualpartner*in muss den Bedürfnissen der/des anderen Sexualpartner*in entsprechen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, solange behinderte Körper nicht zur sexuell präferierten Norm gehören, müssen behinderte Menschen darüber informiert sein, wenn sie doch einmal wegen ihrer Beeinträchtigung sexuell präferiert werden, so dass sie sich nicht verdinglicht fühlen. Das im Kapitalismus alle Körper verdinglicht und zur Ware gemacht werden und somit ihre Regulierung und Normierung systemimanent sind, sollte dabei nicht außer acht gelassen werden. Und in dieser Normierung darf nur der gesunde, fitte Körper als begehrenswert gelten.

Der Kampf um eine inklusive Sexualität ist also auch der Kampf gegen die kapitalistische Degradierung des Körper zur Ware 

Das ist die Homepage von Ilse Martin auf der ihr neue Infos zu Mancophilie bekommen könnt.

www.mancophilie.de

Und auf der Homepage von Chris Kiermeier findet ihr noch mehr Infos zu Amelos und weitere spannende Artikel zum Thema Sexualität und Behinderung

www.sexabled.de

 

Arbeit Inklusion statt Integration Sexualassistenz

 

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