Warum Behindertenwerkstätten das befreiende Potenzial von Arbeit behindern!

Wenn der Diskurs um Inklusion von behinderten Menschen beim Thema Schule endet und nicht endlich auf den Bereich Arbeit ausgedehnt wird, und  ein großer Teil von behinderten Menschen weiterhin in nicht einmal als integrativ zu bezeichnende Behindertenwerkstätten abgeschoben wird, dann verkommt auch Schule, selbt wen nsie inklusiv gedacht wird, zu einer rein sozial integrativen Maßnahme.
Auch bei behinderten Menschen, nimmt Arbeit einen nicht unerheblichen Anteil im Leben ein. Wenn Menschen in einer betreuten Wohngruppe, oder im betreuten Einzelwohnen, leben, ist Arbeit oft sogar Bestandteil der sogenannten Hilfeplanung.
Bereits 2016 äußerten Experten des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin, dass viele Menschen mit Behinderungen kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben, weil die Arbeitsplätze dort nicht inklusiv gestaltet seien, und es an geeigneten Unterstützungsangeboten fehlt.                                                                   
Das System der Behindertenwerkstätten ist aus menschenrechtlicher Perspektive bedenklich: https://inklusion-statt-integration.de/behinderte-menschen-artikel-27-un-brk-umsetzen-jetzt/                                                                                            
Ich möchte zeigen warum Werkstätten für behinderten Menschen das befreiende Potenzial von Arbeit behindern.
Beginnen möchte ich mit Friedrich Engels, der sich mit dem Thema „Arbeit“ befasste und beschrieb, welche Auswirkung diese auf das Menschsein hat.
In seiner Schrift: „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ schreibt er 1876:
„…Sie (die Arbeit, Anmerkung D.H.) ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen“. (1.)
Engels spricht hier ziemlich deutlich die Bildungs- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen an und betont, welchen hohen Anteil daran Arbeitsprozesse haben. Er erweitert diesen Gedanken noch in dem nun folgenden Zitat:
„Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher aneinanderzuschließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewusstsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, dass sie einander etwas zu sagen hatten“ (2.)
Hier wird eindrucksvoll beschrieben, wie Arbeitsprozesse den Wissensbereich eines Menschen erweitern und wie Zusammenarbeit als Gemeinschaftsprozess zu einem Sozialprozess wird und jede*r seine Fähigkeiten einbringen kann.
Er ergänzt aber seinen Gesichtspunkt noch dadurch, dass die Menschen ja miteinander in Korrespondenz stehen. Aus den nachfolgenden Sätzen wird deutlich, welchen Anteil die Arbeit an der Entwicklung der Sprache hatte.
„Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache – dass sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluss das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommenere eines Menschen allmählich übergegangen ist.“ (3)
„Die Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewusstseins, Abstraktions- und Schlussvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluss fand, sobald der Mensch endgültig vom Affen geschieden war, sondern die seitdem bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten….im ganzen und großen gewaltig vorangegangen ist,“ (4)
Im übertragenen Sinne kann gesagt werden, dass selbstständiges Handeln innerhalb einer Gruppe verbale Begründungen benötigt. Dieser Gesichtspunkt erscheint mir deshalb besonders wichtig, weil Verselbstständigung immer auch Argumentationen erfordert, die Vorgehensweisen erklärt, bzw. wenigstens zu erklären versucht.
“Die Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen“ (5)
„Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen und Gehirn nicht allein bei jedem einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer verwickeltere Verrichtungen auszuführen, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen“  (6)
„Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schifffahrt. Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten. “ (7)
“Kurz, das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen leiert. Das nimmt der Arbeit die Autonomie, die Bestimmtheit, die Würde. Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren,.“ (8)
Die Gedanken von Friedrich Engels zum Zusammenspiel von Handarbeit und Sprache zeigen, dass diese den Menschen in den Zustand versetzt, sich kreativ und phantasievoll in die Gemeinschaft einzubringen, sich dadurch zu verselbstständigen, um so als Individualität zum vollkommenen Teil der Gemeinschaft zu werden.
Mit all diesen Zitaten wird auch klar, dass das selbe Recht auf Arbeit für behinderte Menschen essenziel ist und die Nichtumsetzung von Artikel 27 UN – BRK eine Verletzung der freien Persönlichkeit darstellt.
Die Arbeitssituation bei behinderten Menschen in Deutschland:
Schaut man sich jedoch die Situation von  behinderten Menschen, die in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten müssen, an, so hat deren Beschäftigung mit dem was von Engels als Arbeit beschrieben wird und deren Sinnstiftenden Potenzial, wenig bis gar nichts gemeinsam. Denn die Art der Arbeit welche Menschen in diesen Werkstätten häufig zu verrichten haben, ist monotone Bandarbeit. Auch wenn diese nicht ohne Anspruch für die  jenigen Menschen, die sie ausführen, sein muss. Das Problem, das sich dabei jedoch stellt ist, dass die in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeitende Person durch diese Monotonie der Tätigkeiten vom Gesamtprodukt abgespalten werden. Dieses Phänomen der Entfremdung  beschrieb schon Karl Marx 1844 in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten er beschrieb das Phänomen der Entfremdung zwar als Teil jeglicher Arbeit im Kapitalismus, sinngemäß schrieb er
…Dadurch, dass in den kleinteiligen Produktionsstätten niemand mehr etwas vollständig schafft, verlieren die Arbeitenden die Verbindung zu dem, woran sie da schuften. Seine Vollständigkeit und sein Nutzen werden für sie nicht mehr greifbar. Der Zweck der Arbeit ist so nicht mehr ein Produkt, sondern ausschließlich der Selbsterhalt….
In Werkstätten für behinderte Menschen arbeitet in der Regel eine ganze Gruppe am selben Produkt und das über mehrere Tage, z.B. an Armlehnen für bestimmte Autos einer bestimmten Automarke. Im Gegensatz zu ihren nichtbehinderten Kolleg*innen, welche eventuell auch immer dieselben Handgriffe machen, aber z.B die Gesamtmontage des Autos wenigstens mitbekommen, weil sie im selben Werk geschieht, sind behinderte Menschen in Werkstätten auch noch von diesem Erleben getrennt, der Entfremdungsprozess wird dadurch so meine Einschätzung  nochmal verstärkt.
Meines Erachtens gilt es, einen inklusiven Arbeitsmarkt zu schaffen in dem alle Menschen, sowohl die mit Beeinträchtigung als auch die ohne, ihren Platz gemäß ihren Fähigkeiten finden können.
Die Forderung muss sein, Werkstätten für behinderte Menschen bis spätestens 2030 abzuschaffen.
Die Entfremdung der Arbeit wird aber erst dann ganz aufgehoben sein, wenn Arbeiter*innen Einfluss auf den Gesamtzusammenhang, dessen was sie produzieren haben und erst dann wird Arbeit im oben von Friedrich Engels zitierten Sinne als Befreiung erfahrbar.

 

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