Muskeln aus Plastik von Selma Kay Matter eine Rezension

2024 erschien bei Hanser Berlin, Muskeln aus Plastik von Selma Kay Matter. Das Buch kostet  23€ und hat 236 Seiten.  In „Muskeln aus Plastik“ geht es um Kay  der*die Protagonist*in ist Mitte zwanzig, nicht-binär trans-maskulin und hat ME/CFS. Kay hat täglich Schmerzen. Von diesen Schmerzen muss sich Kay nach jeglicher physischer Anstrengung wie z.B. dem Ausräumen der Spülmaschine aber auch nach  emotio­naler Belastung oft 23 Stunden lang erholen. Kay erlebt seit seiner Erkrankung alles in Relation  zu seinen Schmerzen, selbst verlieben darf Kay sich nicht, weil dies zum Überschreiten des Maximalpulses führen könnte aber Kay ist total verknallt in Aron.

Aus Angst, als kranke Person für Aron weniger begehrenswert zu sein, versucht Kay beim Flirten weniger behindert zu wirken. Selma Kay Matter kontextualisiert Kays Gefühle als Internalisierung von ableistischen gesellschaftlichen Schönheitsidealen, die behinderte Personen als nicht begehrenswert darstellen. Kay und Aron führen zwar eine „trans for trans“-Beziehung und haben damit ähnliche Perspektiven auf Themen wie Gender und Transition, aber die gegensätzlichen Erfahrungen in Bezug auf Behinderung führen zu Schwierigkeiten, das wird besonders deutlich als Kay Ilay kennen lernt.

Ilay ist ebenfalls chronisch krank und kann Kay und seine Bedürfnisse deswegen leichter nachvollziehen. In einem surrealen Kapitel streifen Ilay und Kay durch eine dystopische Ikea-Filiale ohne Ausgänge. Die Türen öffnen sich zu Momenten aus Kays Vergangenheit.

In einem anderen Moment des Buches ist Kay so schwach, dass dey (dey ist ein Geschlechtsneutrales Pronomen) die Wohnung nicht verlassen kann dey  versinkt in Fantasien von Wohnungen, die speziell für kranke und behinderte Personen eingerichtet sind – ein „Sickboy Apartment“, in dem Kay gleichzeitig „hot und behindert“ sein könnte. In jedem der sechs Kapitel wird aus einer anderen Perspektive auf Behinderung, Genderidentität und deren Intersektionen geschaut. Selma Kay Matter thematisiert  in  Muskeln aus Plastik Ideen wie „Hanky Codes“ für Care-Arbeit. (Hanky Codes sind kleine Stofftaschentücher, die unter schwulen Männern als Erkennungszeichen für sexuelle Präferenzen getragen wurden.) Kays Vorstellungen von Hanky Codes verschmelzen Fürsorgebedürfnisse mit queeren Konzepten und Forderungen der Disability-Justice-Bewegung. In den ersten Kapiteln  des Buches überzeugt Muskeln aus Plastik vor allem durch  seine fast schon Autobiografischen Züge und vor allem  dann wenn ein Widerspruch zwischen den möglichst perfekt als männlich gelesen zu werden und dem durch ME/CFS geschwächten Körper  mitschwingt  das ist vor allem dann der Fall wen es ums Gym geht oder  Physiotherapie mit Training gleichgesetzt wird und durch die  zahlreichen  Zitate zu verschiedenen Theorien  und aus Essays und Memoiren anderer queerer, kranker oder behinderter Personen, dabei bezieht sich  Selma Kay Matter unter anderem auf Susan Sontag, Eve Kosofsky Sedgwick und Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha. Die Geschichte wird in dem Moment vom Stil her etwas fiktiver bleibt aber nahe an einem autofiktionalen Stil als Kay  Ilay kennen lernt. Kay, Ilay und Aron bilden nach Ilays Geschlechts angleichender Brustvergrößerung eine Care WG. Selma Kay Matter ist mit Muskeln aus Plastik ein wichtiges und sehr gutes Buch zu Transness, Behinderung und Sorgearbeit gelungen es ist eine absolute Empfehlung. 

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