Am 27. Juli 2022 ist der Jugendroman „Die Sonne, so strahlend und Schwarz“ von Chantal-Fleur Sandjons im Thienemann Verlag erschienen. Die Altersempfehlung ist 14 Jahre. CN: Rassismus und häusliche Gewalt.
„Die Sonne, so strahlend und Schwarz“ ist, was für die Jugendliteratur eher ungewöhnlich ist, ein Versroman. So lesen sich die Kapitel, die Gedichte ergeben, aber trotzdem eine lange Geschichte. Teils vollzieht die Form das geschriebene Wort nach, so geht die Protagonistin z.B. am Anfang eine Treppe hinauf; den Satz, der das beschreibt, hat die Autorin wie eine Treppe angeordnet. Oder es gibt Durchstreichungen, Einrückungen, und Figurengedichte. Zuweilen ist ein Drehen des Buches notwendig. Die im Titel des Buches erwähnte Sonne ist auf vielen Seiten in einer der oberen Seitenecken gedruckt und zieht sich somit als Leitmotiv durch den gesamten Roman.
Protagonistin des Romans ist Nova Nyanyoh (Breitenbacher), eine 17 Jahre alte afrodeutsche Teenagerin. Am Anfang des Buches ist sie gerade mit ihrer Mutter Rebekka und ihrem kleinen Halbbruder Cosmos aus einem Berliner Frauenhaus aus- und in die Berliner Wohnung der besten Freundin ihrer Mutter Lotte eingezogen.
Nova freut sich auf einen Neuanfang – ohne die Schläge von Cosmos Vater, der zuletzt ihren Arm zertrümmert und aus ihrer Mutter eine Trinkerin gemacht hat. Cosmos überwindet in der neuen Umgebung seine Schlafprobleme und das nächtliche Bettnässen.
Novas Neustart verläuft auch ganz gut. Sie findet nicht nur neue Freunde, wie die tierliebende und non-binäre Nachbarperson Felix*, sondern verliebt sich Hals über Kopf in die Hip-Hop-Tänzerin Akoua. Es entspinnt sich eine intensive und romantische, von Zärtlichkeit geprägte Lovestory. Als Novas Stiefvater plötzlich vor der neuen Schule auftaucht, wird Nova mit ihrer schmerzhaften Vergangenheit konfrontiert, sie weist ihn aber deutlich in seine Grenzen. Novas Mutter lässt sich leider von ihrem Ex um den Finger wickeln und zieht die Anzeige gegen ihn erneut zurück.
Neben der intensiven queeren Liebesgeschichte und der Situation bei Nova zuhause erzählt das Buch auch von intensiver Freundschaft, aber auch von alltäglichem Rassismus, mit dem Nova konfrontiert wird. Beispielsweise durch eine Ärztin, die verwundert ist über Novas deutschen Nachnamen “Breitenbach”. Dieselbe Ärztin ist auch überrascht, dass nach dem entfernen des Gipses von Nowas Arm „dass vier Wochen Dunkelheit den Arm “verblassen lassen“ „eine Bemerkung, auf die Nova lediglich in Gedanken humorvoll kontern kann: „Ja, ich brauche Sonne / ich bin doch kein Vampir“.
Zum Thema Rassismus macht das Buch noch einen weiteren Strang auf: Die Autorin verwebt die reale Geschichte von Tonou Mbobda mit der Geschichte von Nova und Akoua. Tonou Mbobda wurde, nachdem er sich 2020 während eines schizophrenen Schubes hilfesuchend in Hamburg an eine Klinik wandte, von privaten Sicherheitsleuten der Klinik und der Polizei ermordet. Die Autorin verbindet hier erstmals in einem Jugendroman aus Deutschland rassistische Polizeigewalt mit Polizeigewalt gegen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen.
Sowohl die Passagen als Nova vom Tod Tonou Mbobdas erfährt, aber auch die Passagen, wie sie mit Akoua in Hamburg an einer Mahnwache und an der Trauerfeier zu Ehren von Tonou Mbobda teilnimmt, gehört zu dem für mich emotionalsten, was ich je in einem Jugendbuch gelesen habe. Die Autorin lässt auch die Hauptrednerin der realen Trauerfeier, Aretha Schwarzbach-Apithy, eine zentrale Akteurin der Schwarzen Community und Antirassismus-Aktivistin zu Wort kommen. Als Nova aus Hamburg zurückkommt und feststellen muss, dass ihr Stiefvater wieder bei ihrer Mutter schläft und das in den Folgetagen auch so ist, beschließt sie, mit ihrem Bruder die Wohnung zu verlassen.
Anmerkung: Alle positiv besetzten namentlich erwähnten Personen in diesem Roman sind PoC oder Schwarze Menschen, das ist auch außergewöhnlich positiv anzumerken.
Der Versroman vermittelt ein besonderes Leseerlebnis und schafft eine gute Zugänglichkeit. Bei der weiteren visuellen Gestaltung bin ich leider etwas zwiegespalten ob sie nicht die kurzen Sätze und Absätze des Versromans, die eine niedrigschwellige Zugänglichkeit ermöglichten, wieder zunichte macht, gerade für Personengruppen, denen das Lesen eh schwerer fällt. Trotz dieser Bedenken ist der Roman „Die Sonne, so strahlend und Schwarz“ eine absolute Empfehlung; vor allem als Schullektüre, denn dort können meine Bedenken in Bezug auf die Gestaltung pädagogisch abgefangen werden und zu produktiver Text-Beschäftigung führen.
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