ë von Jehona Kicaj – eine Rezension

Am 23.07.2025 erschien im Wallstein Verlag der Debüt-Roman „ë“ von Jehona Kicaj https://www.jehonakicaj.com/. Der ungewöhnliche Titel »ë« steht für einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird, denn er verändert die Betonung des Wortes, an das er angehängt wird. Das Unausgesprochene hat also eine Wirkung. So wie auch Dinge, die nicht gesagt werden können oder dürfen, ihre Wirkung haben. 

Die namenlose Ich-Erzählerin in  ë ist das Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo. Die Autorin lässt ihre Ich-Erzählerin den Leser*innen mehrere Ebenen erzählen, da sind die ersten Jahre, die die Erzählerin im Kosovo erlebt, dann das Aufwachsen in Deutschland als Kind von Migranten, sie geht in den Kindergarten und zur Schule.

 Den Kosovo-Krieg erlebt sie aus der Ferne, später geht sie dann auf die Universität immer wieder stößt sie auf Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz auch durch serbisch-nationalistische Stimmen, als Person mit Migrationsgeschichte allgemein, aber auch im Besonderen als Kosovo-Albanerin.

Der Roman beginnt mit einer Szene beim Zahnarzt, die Ich-Erzählerin leidet an Bruxismus, einer extremen Anspannung der Kiefer, der Arzt prognostiziert eine mögliche Unfähigkeit zu sprechen. Von diesem Startpunkt wird ein Geflecht aus Sprache, Sprachlosigkeit und Schweigen und generationsübergreifendes Trauma aufgefächert. Neben der Tatsache, dass wir in die Vergangenheit der Ich-Erzählerin und ihrer Familie mitgenommen werden, werden wir in der Gegenwart immer wieder in die Zahnarztpraxis mitgenommen, aber auch in die Universität. Dort besucht die Erzählerin die Vorträge einer Forensikerin, Dr. Korner, die unter anderem im Kosovo Leichen von Verschwundenen aus Massengräbern barg und anhand der Skelette, deren Identität und ihre Todesumstände rekonstruierte,  dabei spielen auch hier Zähne eine wichtige Rolle. 

Den Roman beim Zahnarzt beginnen zu lassen und somit erst die körperlichen Folgen von Traumata durch die drohende körperlich bedingte Sprachlosigkeit zu zeigen, ist erzählerisch genial. Der gesamte Text verknüpft auf beeindruckende Weise das Persönliche der Erzählerin, also Fiktion, mit Wissen über den Kosovo-Konflikt. Der Autorin gelingt es die Verbrechen, die serbische Einheiten an der albanischen Zivilbevölkerung begingen und deren Brutalität,die gesellschaftlichen Verhältnisse der Albanischen Kosovaren prägten, darzustellen. Die Verbrechen der albanischen UCK, die diese an der serbischen Minderheit im Kosovo verübte und auch die von ihr verübten Verbrechen an anderen Minderheiten wie z.B. Roma werden am Ende des Buches kurz angedeutet. 

Das völkerrechtlich nicht gedeckte Eingreifen der Nato und die darauffolgenden Angriffe auf Serbien wird nur sehr kurz und lapidar behandelt und rundweg als gerechtfertigt und positiv dargestellt. Trotz dieser aus meiner Sicht unkritischen Einseitigkeit ist ë aufgrund seiner Erzählweise und der Darstellung der anderen Inhalte alles in allem eine absolute Empfehlung.

https://inklusion-statt-integration.de/

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