Am 1. Januar 1994 erschien im Orlanda Verlag das Buch „Auf Leben und Tod“, Audre Lorde Krebstagebuch“. Wer war Audre Lorde? Audre Geraldine Lorde, geboren am 18. Februar 1934 in Harlem, New York, gestorben am 17. November 1992 in Christiansted, Saint Croix war eine Schwarze lesbische behinderte (gesetzlich blinde) Frau, Mutter, großartige Poetin und Kämpferin gegen den Krebs; diesen Kampf verlor sie leider. Sie war Sozialistin und Aktivistin gegen jede Form der Diskriminierung.1978 erkrankte sie an Brustkrebs, sie ließ sich die rechte Brust aus medizinischen Gründen amputieren. Alles scheint gut zu verlaufen, bis fünf Jahre später der Krebs zurückkommt, diesmal Leberkrebs, an dem sie dann auch verstarb. Im Buch “Auf Leben und Tod” sind Drei Beiträge von Audre Lorde veröffentlicht
Auf Leben und Tod Krebstagebuch
Lichtflut. Leben mit Krebs
Heute ist nicht der Tag Gedicht
Im Anhang sind Beiträge von
Audre Lorde – ihr Kampf und ihre Visionen Dagmar Schultz
13. Jahre nach einer Brustkrebsoperation Waltraud Ruf
Psychosoziale Beratungsstelle für Krebskranke und Angehörige Selbsthilfe Krebs e.V. Dagmar Schultz im Gespräch mit Karin Nothnagel und Gerda Wendisch-Kraus
Die Krankengeschichte von Audre Lorde (Gamba Adisa) Manfred D. Kuno
Rezensieren werde ich aber nur die Beiträge von Audre Lorde.
“Auf Leben und Tod Krebstagebuch”
“Auf Leben und Tod Krebstagebuch” von Audre Lorde ist ein wegweisendes Werk, in der Literatur über Krebs, im Besonderen über Brustkrebs. In diesem Buch verbindet Audre Lorde mit einer sehr poetischen, aber sehr direkten Sprache die Reflexion über die eigene Brustkrebserkrankung mit gesellschaftlichem Aktivismus. Audre Lorde thematisiert die Krankheit und deren Behandlung und die daraus resultierende Amputation ihrer rechten Brust aus der Perspektive einer Schwarzen, lesbischen Feministin. Der Kampf gegen Krebs ist für sie untrennbar mit dem Kampf gegen gesellschaftliche Unterdrückung verbunden. Mit dem Krebstagebuch schreibt Audre Lorde gegen das Schweigen und die Isolation an. Audre Lorde betont immer wieder, wie wichtig es ihr ist, Schamgefühle zu überwinden und die Autonomie über den eigenen Körper zu bewahren. Bei der persönlichen Reflexion über die Krankheit selbst und den Genesungs- und Selbstakzeptanz-Prozess nach der Brustamputation finde ich die Passagen am stärksten, in denen sie die Solidarität der Frauen untereinander beschreibt, von denen sie zu dieser Zeit umgeben ist. Sehr stark sind auch die Passagen, in denen sie beschreibt, welcher Druck auf Frauen ausgeübt wird, dass diese nach einer Brustamputation entweder Brustprothesen tragen oder sich die amputierte Brust rekonstruieren lassen und wie Ärzte sogar beide Brüste amputieren obwohl es nur bei einer nötig gewesen wäre, um bei der Rekonstruktion ein symmetrisches Ergebnis zu erhalten. Sie arbeitet gut heraus, was das mit dem männlichen Blick auf Frauen zu tun hat. In diesem Zusammenhang prangert sie auch die Verquickung der Amerikanischen Krebsgesellschaft mit der Ärzteschaft und der Pharmaindustrie an.
„Lichtflut. Leben mit Krebs“
In“Lichtflut. Leben mit Krebs” sind Tagebucheinträge versammelt, die Audre Lorde in den ersten drei Jahren ihrer Leberkrebserkrankung geschrieben hat. In diese Zeit fällt auch Audre Lordes drei Monate dauernder West-Berlin-Aufenthalt. In dieser Zeit lehrte sie auch an der FU in Berlin. Besonders interessant ist, wie sie Berlin beschreibt und wie sie darüber nachdenkt, warum die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Faschismus nur ein Museum gewidmet ist und dieses nur dem Deutschen Widerstand gewidmet wird und es kein Denkmal für Jüd*innen gibt. Auch bemerkenswert ist ihr in ihren Aufzeichnungen aufblitzender Anteil an der Entstehung einer Schwarzen Deutschen Frauenbewegung und dem Begriff Afro-Deutsch. In diese Zeit fallen auch Reisen in andere Europäische Länder. Sehr aufschlussreich sind dabei ihre Bemerkungen zum Rassismus im weißen Feminismus. Ein großer Teil ihrer Aufzeichnungen widmet sich aber auch ihrer Auseinandersetzung mit ihrem Leberkrebs und der Ablehnung einer Operation und der Behandlung mit anthroposophischer Misteltherapie in Berlin. Während sie danach wieder in den USA ist, empfiehlt ihr ein anthroposophischer Arzt, in die Schweiz in der Nähe von Bern in eine anthroposophische Klinik zu gehen, wo sie bei einem dreiwöchigen Aufenthalt viele anthroposophische Therapien erhält. Audre Lorde schildert diesen Aufenthalt mit sehr viel Wohlwollen und Sympathie. Sie beschreibt aber auch, mit was sie nicht gut zurechtkommt, das ist vor allem, dass nicht über Gefühle gesprochen werden soll, weil das der Heilung schade und das gemeinsame Essen strengt sie wohl sehr an. Sie spricht wohlwollend über Waldorfschulen und über die handgefertigten Möbel aus einer geschützten anthroposophischen Werkstatt. Dass sie dies so unkritisch tut, hat mich beim lesen verärgert, denn als revolutionäre Kämpferin der Bürgerrechtsbewegung hätte sie wissen können, dass an diesen Werkstätten für behinderte Menschen nichts progressives sind.Über den Rassismus einzelner Patient*innen spricht Audre Lorde auch. Über den Rassismus bei Rudolf Steiner, der damals zumindest in Deutschland schon diskutiert wurde, wusste sie entweder nicht Bescheid oder verdrängte es. Danach kehrte sie in die USA zurück.
„Heute ist nicht der Tag“
„Heute ist nicht der Tag“ ist sicher ein wunderschönes emotionales Gedicht, aber ich gebe es unumwunden zu, ich verstehe es nicht. Nur so viel, es geht wohl um den Tod und ich vermute um eine Person, die um mehr Zeit bittet.
“Auf Leben und Tod Audre Lordes Krebstagebuch” ist eine absolute Empfehlung. Das Buch gibt es in dieser Ausgabe aus dem Orlanda Verlag so leider nur noch antiquarisch. Nach dieser Lektüre weiß ich, ich muss alles von Audre Lorde lesen und ihr solltet das auch tun.