Pränataldiagnostik: Selbstbestimmung oder Selektion?

LebenschützerInnen und Pränataldiagnostik

Seit einigen Jahren marschieren jedes Jahr auf dem sog „Marsch für das Leben“ in Berlin, tausende selbsternannte „LebensschützerInnen“. Sie forderten, unter anderem, ein generelles Verbot von Abtreibungen. Des weiteren vertreten die LebensschützerInnen ultrakonservative Geschlechterrollen, eine rigide Sexualmoral, sie sind homo – und transfeindlich.
Auch die Pränataldiagnostik, also die vorgeburtlichen Untersuchungen, und die damit verbundenen Fragen nach Selbstbestimmung sind den LebensschützerInnen ein willkommenes Thema. Erschreckend ist, dass heute solche erzreaktionären Vorstellungen wie sie dort vertreten werden wieder verstärkt anschlussfähig sind. Auf den ersten Blick mag es auch nicht überraschend sein, dass sie damit auch bei einigen behinderten Menschen Punkten können, denn viele behinderten Menschen erleben Pränataldiagnostik als Bedrohung. Trotz eines Diskurses über Inklusion sehen sich behinderte Menschen durch die Entwicklung immer neuer Tests zur Diagnose des Fötus immer noch den Gefahren einer pränatalen Selektion ausgesetzt sehen.

Feministinnen* und Pränataldiagnostik

Der Diskurs unter Feministinnen* zum Thema Pränataldiagnostik umfasst diverse Positionen. Manche Feminist*innen sind überzeugt, dass jegliche Entscheidung, ein Kind nicht zu bekommen, eine selbstbestimmte Entscheidung ist. Andere Feministinnen* bezweifeln dass, mit dem Hinweis, dass die Kinder bis zum negativen Befund Wunschkinder sind. Skeptisch sollte auch machen dass ein Abbruch in diesem Fall gesellschaftlich tolerierter ist als bei allen anderen Gründen und in einigen Fällen sogar gewünscht wird. Ich denke, dass in Bezug auf die Pränataldiagnostik die skeptischen Teile der feministischen Bewegung die logischen Verbündeten der Behindertenbewegung sind, weil beide Bewegungen für die Selbstbestimmung über die eigenen Körper kämpfen.

§218-§219aRaus aus dem StGB! Test auf Trisomien als Kassenleistung?

Parageaphen 218 – §219a müssen sofort raus dem StGB gestrichen werden. Es ist mir unbegreiflich wie mit dem Paragraph §219a ein Paragraph im StGB stehen kann welcher es Ärzt*innen verbietet darüber zu informieren, wie sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Bis zu „Reform“ des § 219a im Jahr 2019 war es Ärzt*innen sogar verboten darüber zu informieren das sie Abbrüche durchführen.

Für Tests auf Trisomien darf öffentlich geworben werden und dass obwohl bei 9 von 10 Föten mit auffälligem Befund die Schwangerschaft abgebrochen wird. Werbung für Pränatale Tests fördert also Abtreibungen damit wird deutlich, dass selektive Abbrüche bei Beeinträchtigung zumindest toleriert werden, wenn nicht sogar erwünscht sind. Ich fordere ausdrücklich nicht die Verschärfung des § 219a, sondern die Ersatzlose Streichung dieses Naziparagraphen. genau wie die des 218

Also wie umgehen mit Pränataldiagnostik?

Folgende Aspekte halte ich im Bezug auf die pränatale Diagnostik für grundlegend.

  • Meiner Meinung nach muss ganz klar sein, dass das Recht auf „Nichtwissen wollen“ der schwangeren Person genauso durch die Ärzt*innen akzeptiert werden muss, wie die in Inanspruchnahme möglicher Tests. Sie darf nicht überredet oder gedrängt werden.
  • Es muss vor jedem Test eine Aufklärung stattfinden, welche Möglichkeiten es nach einer unerwünschten Diagnose gibt und was auf welches Ergebnis folgen kann. Wann und ob z.B eine pränatale OP oder Therapie möglich ist, z.B Spina bifida oder wann nicht z.B bei Down Syndrom. Diese Aufklärung ist notwendig, da die schwangere Person nur so eine kompetente Entscheidung treffen kann, welche Tests sie machen möchte.
  • Ärzt*innen muss es untersagt werden, Präferenzen zum Vorgehen zu äußern. Wenn sich die schwangere Person für einen Schwangerschaftsabbruch ausspricht, ist das zu akzeptieren, denn es ist ihr gutes Recht.
  • Die Debatte, ob behindertes Leben lebenswert ist, darf nicht in den Bauch der einzelnen schwangeren Person verlagert werden.
  • Die § 218-219a müssen ersatzlos gestrichen werden, denn nur, wenn ein generelles Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch besteht, kann wertfrei darüber gesprochen werden, ob die Entscheidung der schwangeren Person gegen ein beeinträchtigtes Kind eine selbstbestimmte Entscheidung ist oder eher gesellschaftlichem Druck folgt.

Es gibt heftige Kritik gegen die Tests auf Trisomien als Kassenleistung von Seiten der Lebensschützer, von vielen behinderten Personen und den skeptischen Teilen der feministischen Bewegung. Auch wenn ich die Argumente, dass Tests, welche unter den jetzigen gesellschaftlichen Bedingungen nur dafür da sind, beeinträchtigte Föten aufzuspüren und zu selektieren, nicht Kassenleistung sein sollten, verstehe, gebe ich zu bedenken, dass dies dazu führt, dass finanziell benachteiligte schwangere Personen sich den Test nicht leisten könnten, reichere Personen aber schon. Das heißt auf Dauer ist der Anteil in den oberen Klassen der Gesellschaft der Anteil als in Arbeiter*innenklasse und das schadet der Mehrheit der lebenden behinderten Personen! Denn wenn in den oberen Klassen prozentual weniger behinderte Menschen vertreten sind als in der Arbeiter*innenklasse, wird der generelle Kampf um die Rechte behinderter Menschen geschwächt. Denn dieser Kampf ist Teil des Klassenkampfs!
Der einzige Weg, die Selektion beeinträchtigter Embryonen zu stoppen ist für eine inklusive Gesellschaft, zu kämpfen. Denn nur dann werden die genannten Tests überflüssig. Oder sie können dann der besseren mentalen Vorbereitung auf das beeinträchtigte Kind dienen.

Nur durch konsequente Inklusion können selektive Abbrüche gestoppt werden

 

Pränataldiagnostik Lebensschützer
Daniel Horneber

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