Am 08.03.2024 erschien bei Weltenruder die Anthologie „Neuropunk. Perspektivwechsel“, herausgegeben von Melanie Schneider und Saskia Dreßler. In dieser Anthologie sind neun Kurzgeschichten und zwei Gedichte mit neurodivergenten Protagonist*innen von verschiedenen Autor*innen, die auch alle neurodivergent sind.
Am Anfang von Neuropunk steht ein essayistisches Vorwort von Saskia Dreßler mit dem Titel “Was ist Neurodivergenz und wie wirkt sich diese aus?”
Saskia Dreßler geht darauf ein, warum Neurodivergenz keine Krankheit ist. Saskia Dreßler geht dabei davon aus, dass die Diversität, wie Gehirne Informationen verarbeiten, so groß ist, dass sie der Anzahl von Menschen auf der Erde entspricht. Ich habe den Eindruck, dass Saskia Dreßler Krankheit und Beeinträchtigung gleichsetzt,
Saskia Dreßler erklärt auch, dass nicht alle Neurodivergenzen von den Ämtern in Deutschland als Behinderung anerkannt werden. Das widerspricht der UN BRK, denn die Ämter lassen die gesellschaftlichen Barrieren zu oft außer Acht, aber in der UN BRK sind gesellschaftliche Barrieren Bestandteil der Definition, was Menschen mit Behinderungen sind.
Menschen mit Behinderungen sind,
“Menschen mit langfristigen körperlichen, seelischen, geistigen oder Sinnesbeeinträchtigungen, die in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft gehindert werden”.
Zu überlegen wäre aus meiner Sicht auch, ob hinter Sinnesbeeinträchtigungen nicht noch Neurodivergenzen einzufügen, denn dann wären diejenigen, für die Neurodivergenz keine Beeinträchtigung ist, bei behinderten Menschen mitgemeint.
Saskia Dreßler geht noch darauf ein, welche Diagnosen alle zum Spektrum der Neurodivergenz gehören. Das sind ADHS, Autismus, Dyslexie, Dyskalkulie, Synästhesie. Mit dem Halbsatz “und weiteres in diesen Bereich, in dem das Gehirn nicht neurotypisch arbeitet” lässt Saskia Dreßler die Leser*innen, die sich nicht auskennen, etwas ratlos zurück.
Saskia Dreßler geht auch der Frage nach ob die Unterscheidung in neurodivergent und neurotypisch überhaupt gebraucht wird. Ihre kurze Antwort lautet ja, das wird aber noch ausführlich erklärt. Auch darauf eingegangen wird, warum mehr über Neurodiversität geschrieben werden sollte, auch diese Gedanken gilt es zu beherzigen. Nach dem Essay über Neurodivergenz folgen die Gedichte und Kurzgeschichten.
Vor jedem Gedicht und jeder Geschichte in Neuropunk sind positive Tags, die in der Geschichte vorkommen, vorangestellt, dasselbe gilt für eine Content Note. Nach den einzelnen Literarischen Texten kommt eine kurze Vita der*/des* Autor*in aus meiner Sicht wäre die Vita vor den Kurzgeschichten oder den Gedichten besser.
Der erste literarische Beitrag in Neuropunk ist ein Gedicht mit dem Titel “Unsere Flügel” von Monia Girstl, darin geht es ums Fliegen und darum, was für normal gehalten wird. Zu diesem Gedicht gibt es einen QR Code, mit dem mensch sich das Gedicht vorlesen lassen kann.
Es folgt die erste Kurzgeschichte, von Kián KoWananga mit dem Titel “Zurück zur Natur” darin geht es um eine Freundschaft, zwischen Puck, einem autistischen Kobold, und einer sprechenden Katze und der Suche nach einem besseren Ort zum Leben, denn Veränderungen in der Umwelt führten dazu, dass Puck die gewohnte Umgebung verlassen muss. Es sind eine Rattenplage und die Gewohnheiten der Menschen, die Puck zur Flucht zwingen. Die Geschichte dieser Freundschaft ist einfach eine schöne, rücksichtsvoll erzählte Geschichte. Es gibt noch andere neurdivergente und queere Tiere in der Geschichte.
rDer nächste Beitrag im Buch ist eine Kurzgeschichte von Doreen Doose mit dem Titel “Eingeklemmte Flügel”. In dieser Kurzgeschichte geht es um ein autistisches Fabelwesen auf einer durch laute Geräusche und andere Reize überfordernden Firmenfeier. In dem Unternehmen, auf dessen Firmenfeier wir uns befinden, arbeiten einige Fabelwesen. Die Protagonistin hatte es aber bei ihrer Einstellung so verstanden, als sollten die Mitarbeiter*innen mit Fabelwesenidentitäten im Unternehmen nur in ihrer menschlichen Form erscheinen. Als sich dieses Gebot als nicht so streng auszulegen erweist, wiegedacht, führt das zur Verwandlung. In der Geschichte geht es auch um einen Salat und Babygeschrei. Das Thema ist Autismus und hierbei bei vor allem erwartetes Masking.
Es folgt eine Kurzgeschichte von skalabyrinth mit dem Titel Blut und Blüten. Es geht um Mauk, Mauk ist nicht-binär Autist*in und liebt Blumen und Mauk hat einen nicht sexuellen Blutkink. Es geht auch um verschiedene Lernformen, besonders stark ist in dieser Geschichte die sehr inklusive Sprache.
Die nächste Geschichte geschrieben von Len Klapdor handelt davon, dass die Menschheit sich unter die Erde zurückgezogen hat.Ob das in direktem Zusammenhang damit steht, dass die Menschheit von den Schwärmern bedroht wird, einer Art KI Roboter, die sie einst selbst zu Kriegszwecken geschaffen hatte, wird mir nicht ganz klar. In dieser Umgebung lebt eine neurodivergente Person, die von ihrer besten Freundin eine ominöse Nachricht erhät .Als die Person ihre Freundin aufsucht, hat diese sich umgebracht. Als Leser*innen erfahren wir auch, dass alle Menschen auf ihre Gene gecheckt werden und neurdivergente Personen dabei Privilegien genießen, weil sie, so wird es propagiert, im KI-Zeitalter besser mithalten können. Es gibt auch ein Sonderschulsystem für neurodivergente Kinder, das die Elite heranziehen soll. Wer aber fälschlicherweise als neurotypisch getestet wird, hat völlig verloren. Diese Geschichte überzeugt durch ihren dystopischen Charakter und erinnert an so manche düstere Fantasie, die im Umfeld der Tech-Elite um Elon Musk geäußert wird. Gruselig, aber genial erzählt.
Es folgt das zweite Gedicht, mit dem Titel „die Perlenverkäuferin“, welches von Michael Schwendinger verfasst wurde. Es befasst sich mit Dyskalkulie in einem mystischen Markt-Setting; mich hat es leider nicht abgeholt. Gut finde ich, dass es hier einen QR-Code gibt, um sich denText vorlese lassen zu können schade, dass diese Darstellung der Texte nur den zwei Gedichten vergönnt ist.
In der nächsten Kurzgeschichte mit dem Titel “Bella Lugosi lebt” von Jordi Bogenstein geht es um Bella, die in West-Berlin aufwächst. Deutschland ist in zwei magische Republiken aufgeteilt. Bella lebt mit ADHS. Ihre Neurodivergenz äußert sich unter anderem dadurch, dass sie ihre magische Energie nicht in dem Maße anwenden kann, wie es von ihren Eltern erwartet wird. Als sie sich mit diesen eine Burlesque Show ansieht, fühlt sie sich von den Künstler*innen angezogen, besonders durch deren Handschuhe. Sie brennt schlussendlich mit ihnen durch. Dass eine der Auswirkungen der Neurodivergenz sein soll, dass Bella nicht so gut ihre Magie einsetzen kann, hat mich leider nicht restlos überzeugt.
In der nächsten Kurzgeschichte von Donna Rider geht es um neurdivergente und queere Pirat*innen, um Gehörlosigkeit und um Zusammenhalt
In der Kurzgeschichte „Ara Waldkraut“ von Iris Leander Villiam geht es um Ara, ein neurodivergentes Troll-Kind, das gezwungen ist in einer Welt zu leben, die mit seiner überschwänglichen Freude nicht zurechtkommt und das sich deshalb immer mehr in sich zurückzieht und verstummt.
In “Wurzelkind”, einer Kurzgeschichte von Julia Winterthal, geht es um das Ende der Welt und darüber hinaus Freundschaft mit Tieren und wortlosen Konsens.
Zum Abschluss der Kurzgeschichten geht es in “Das Lied der einsamen Maschine” von Jol Rosenberg um einen Androiden, der eine Mondstation verwaltet.
Am Ende von „Neuropunk“ gibt es noch ein Glossar mit Erklärungen zu den einzelnen Formen von Neurodivergenz. Dieses wäre vor den literarischen Texten sinnvoller, denke ich.
Spannend fand ich am Aufbau von Neuropunk die Idee mit den positiven Tags und gut fand ich, dass mit Content Notes und nicht mit Content Warnings gearbeitet wurde. Die kurze Vita der Autor*innen wäre aus meiner Sicht vor den jeweiligen Texten besser gewesen. Neuropunk kann ich vor allem Fantasy-Fans empfehlen, die neue Perspektiven entdecken wollen.
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https://inklusion-statt-integration.de/psyche-mit-zukunft-sieg-ueber-die-finsternis-in-mir-eine-rezension/