Krankheit als Metapher von Susan Sontag eine Rezension

Ich habe  endlich  den 1977 erschienenen  und 1978 ins Deutsche übersetzten Klassiker des essayistischen schreibens Krankheit als Metapher von Susan Sontag gelesen aus dem Amerikanischen  übersetzt von Karin Kersten und Caroline Neubaur, München 1978. In Krankheit als Metapher setzt sich Susan Sontag einerseits mit  der Tuberkulose auseinander, an der ihr Vater verstorben war und andererseits mit Krebs,  sie hatte selbst zwei Mal eine Krebserkrankung, an der zweiten verstarb sie 2004. In ihrem Ihr Essay setzt sie sich mit den  gesellschaftlichen Zuschreibungen auseinander die es zu diesen Krankheiten gibt und wie diese zur Diskriminierung und sozialen Exklusion von Betroffenen führen. Susan Sontag schreibt „Zeigen will ich, dass Krankheit keine Metapher ist und daß die ehrlichste Weise, sich mit ihr auseinanderzusetzen – und die gesündeste Weise, krank zu sein – darin besteht, sich so weit wie möglich von metaphorischen Denken zu lösen, ihm größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen.“ Der Essay  ist eine Zeitreise durch die Medizin- und Literaturgeschichte: von der romantischen Verklärungen der Tuberkulose im 19. Jahrhundert hin zu jüngeren Deutungen von Krebs als ein selbstverschuldetes Leid. Aber auch vormodernen Auffassungen von Epidemien, die bereits in der Antike als göttliche Bestrafung für menschliche Verfehlungen galten, gibt Susan Sontag Raum. Susan Sontag kritisiert die furchterregende Sprache mit der über Krankheit gesprochen wird, demnach sind militärische Krankheitsmetaphern, die ein Virus als „unsichtbaren Gegner“ darstellen, ebenso wenig neu wie die Suche nach „Sündenböcken“, Sehr gut  gelungen ist im Text darzustellen  wie Krankheitsmethaphern von Anfang an Teil des neuen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts waren und wie sich im  Deutschen Faschismus der antisemitische Sprachgebrauch von die Juden sind die Syphilis des Deutschen Volkes zu die Juden sind der Krebs des Deutschen Volkes wandelte, sie weist auch darauf hin  dass auch Linken z.b. die Bolschewiki und hier vor allem Trotzki  nach seiner Verbannung aus der Sowjetunion Krebsmethapern nutzten  auch in den Diskursen um den Maoismus in China oder in Diskursen des Nahost Konfliktes greifen beide politischen Lager auf Krebsmetaphern zurück. Susan Sontag gibt auch zu das  sie in der Empörung und Verzweiflung über den Vietnamkrieg gesagt habe “die weiße Rasse sei der Krebs der menschlichen Geschichte“. Sie schreibt auch  “Es ließe sich jedoch auch  behaupten, dass Krebsmetaphern als solche schon implizit genozidal sind”. Wegen dieser guten und scharfsinnigen Analyse das Krankheitsmetaphern zur Delegitimierung anderer Bevölkerungsgruppen oder  Gesellschaftsmodellen verwendet wurden und ihrer berechtigten Kritik daran irritiert es mich das sie ihr Essay mit folgendem Absatz beginnt 

 “ Jeder, der geboren wird, besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft, im Reich der Gesunden und im Reich der Kranken. Obwohl wir es alle vorziehen, den guten Pass zu benutzen, ist jeder von uns früher oder später verpflichtet, sich, zumindest für eine Weile, als Bürger jenes anderen Ortes auszuweisen.”

Aus meiner Sicht konstruiert sie den Staates als etwas biologischen,  diese  halte ich für biologistisch und es erinnert mich an das Konstrukt des Volkskörpers. Der Rest des Textes ist aber immer noch hoch aktuell Das Essay Krankheit als Metapher ist  von Susan Sontag ist eine absolute Empfehlung.

https://leidmedien.de/blinde-kuh-trifft-taube-nuss-metaphern-der-behinderung/

Am 1.9.1997 erschien Aids und seine Metaphern von Susan Sontag dieser Essay ist die Fortsetzung von „Krankheit als Metapher“  gleich relativ am Anfang dieses Essays übt Susan Sontag implizit Selbstkritik in dem sie Krankheitsmetaphern zur Kritik an politische Systemen kritisiert In Krankheit als Metapher hatte sie was damals nicht als Kritik gemeint war Krankheit und Gesundheit metaphorisch zu Staaten erklärt. Was  ich in meiner Rezension zu Krankheit als Metapher kritisiert habe.  Auch  in Aids und seine  Metaphern  geht sie der Frage nach: Welche Rolle Krankheiten, die oft einen tödlichen Ausgang haben, in unserer Phantasie spielen, dafür entscheidend ist der sprachliche Umgang mit Krankheit, und hier vor allem die oft feindselige und unangemessene Art, in Metaphern zu denken und zu urteilen. Susan Sontag plädiert für die Entdämonisierung von Aids und die damit verbundenen Metaphern. Die Dämonisierung von Krankheit hat eine lange Tradition, die von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit reicht; dies  hatte Susan Sontag auch schon in Krankheit als Metapher nachgewiesen und kritisiert. Auch Aids ist weder Gottesurteil noch Sünde, sondern schlicht eine in ihrer Endphase schmerzvolle und  oft tödliche Krankheit vor allem die Zuschreibung selbst schuld an einer Aids Erkrankung zu sein weil ihr angeblich ein sündiges Verhalten zu Grunde liegt hält sich hartnäckig. Aids wird auch oft mit einer Invasion verglichen und somit als Feind von Außen markiert, auch auf die Verwendung mit anderen Kriegsmetaphern in Zusammenhang mit Aids setzt sich Susan Sontag auseinander. Um ein durchgehend zufriedenstellendes Leseerlebnis zu haben, sollen die zwei Essays Aids und seine Metaphern  und Krankheit als Metapher gemeinsam gelesen werden.

 

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