Mit Behinderung in Angola leben, eine Buchrezension

Francis Müller als Herausgeber und einer der zwei Autor*innen, die zweite Autorin ist die Fotografin Bitten Stetter, und Domingos Joao Pedro Bernardo als Fotograf, haben bereits 2016 ein Buch mit dem Titel „Mit Behinderung in Angola leben – Eine ethnografische Spurensuche in einer von Tretminen verletzten Gesellschaft“ im Transcript Verlag herausgebracht. Domingos Joao Pedro Bernardo hat als Fotograf die Mehrzahl der Bilder gemacht, er hat durch eine Polio Erkrankung eine Beeinträchtigung. Dies kommt dem Buchprojekt insoweit zu Gute, dass er beim Fotografieren sehr genau darauf achtet, dass die behinderten Menschen nicht als Opfer erscheinen. Bei diesem Buch sind die eingesetzten gestalterische Elemente für mich ein nicht zu vernachlässigender Bestandteil des Gesamtwerks.

Das Buch ist in den Farben Rot – Schwarz – Gelb gehalten. Das Coverbild ist in seiner Gestaltung an die angolanische Flagge angelehnt, oben Rot und unten Schwarz, die Schrift des Titels ist Gelb.

Der Umschlag des Buches ist aus Pappe. Wenn die Leser*innen das Buch aufschlagen finden diese einen Klappentext. Klappt man diesen auf, wechseln sich auf den dann sichtbaren Seiten des Bucheinbandes, gelbe Felder in Form einer Flagge mit Feldern, die in den Farben der angolanischen Flagge gehalten sind ab.

Auf den „angolanischen“ Flaggen ist das Originalsymbol welchen aus einem halben Zahnrad einer Machete und einem Fünfstern“ besteht, durch einen stilisierten Rollstuhl ersetzt worden, der, wie das Orginalsymbol, in Gelb gehalten ist. Das Zahnrad des Orginalsymbols bleibt als Rad des Rollstuhls erhalten.

Es folgen 30 Seiten mit ganzseitigen Fotos von Menschen. Die alle, egal ob behindert oder nicht, Stolz ausstrahlen. Diese Bilder sind in Rot – Gelb oder Schwarz – Gelb gehalten. Manche sind auch dreifarbig. Es gibt im Buch noch weitere in Rot gehalten Fotos, leider sind diese zuweilen sehr schwach gedruckt, wodurch der Kontrast auf dem gelben Papier nicht so gut sichtbar ist. Dies stellt für sehbeeinträchtigte Personen eine Barriere dar.

Die Textseiten sind gelb mit Schwarzem Rand und schwarzer Schrift die Seitenzahlen wirken wie handgeschrieben und sind relativ groß und in Rot. Dass sie immer zur Hälfte im schwarzen Rand verschwinden, halte ich für nicht wirklich gelungen.

Inhaltlich hat mich der erste Teil des Untertitels „eine ethnografischen Spurensuche“ erst einmal etwas skeptisch sein lassen. Ethnographie klingt in meinen Ohren immer etwas nach „weißer Mann geht auf Entdeckung“ und hat dadurch eine kolonialistische Färbung.

Gleich in der Danksagung wird aber deutlich, dass dieses Buch im Austausch mit NGOs, die Minenopfer in Angola vertreten, und mit Veteran*innen des Befreiungskampfes entstanden ist. Also behinderte Personen ernsthaft einbezogen wurden.

In der Einleitung macht Francis Müller auf den schwierigen Umstand aufmerksam, als Mensch mit Behinderung  aus dem globalen Norden. eine Studie und ein Buch über  Menschen mit Behinderung  aus dem globalen Süden machen zu wollen. Er weist auf den postkolonialen Kontext hin, unter dem das Ganze gesehen werden muss. Müller verpflichte sich, so schreibt er, kein Buch über  Menschen mit Behinderung  in Angola zu machen, sondern ein Buch mit ihnen und ihren Perspektiven.

Im Kapitel „Kontext“ beschreibt Francis Müller geografische, soziale und geschichtliche Fakten über Angola. Dabei geht er näher auf den antikolonialen Befreiungskampf und den folgenden Bürgerkrieg ein. Der Bürgerkrieg begann 1974 nach dem die im Befreiungskampf gegen die Portugiesen führende MPLA die Volksrepublik Angola ausgerufen hatte.

Er bemühte sich darum, dies sehr neutral zu tun. Trotzdem entstand bei mir der Eindruck, Müller beziehe Stellung für die UNITAR, die mehr oder weniger direkt von den USA und Südafrika unterstützt wurden. Südafrika wurde zu dieser Zeit, noch vom rassistischen Apartheidsregieme regiert und bekämpfte die MPLA. Die Unabhängigkeit Angolas hängt auch mit dem Sieg der „Nelkenrevolution“ in Portugal zusammen die linke Regierung in Portugal gab die Kolonien auf.

Francis, Müller weist, meiner Ansicht nach, zu einseitig auf die Menschenrechtsverletzungen der MPLA – Regierung hin, aber weniger deutlich auf die der anderen Bürgerkriegsparteien.

Dankenswerterweise spricht Francis Müller die zunehmende soziale Ungleichheit und die neoliberalen Tendenzen seit den 90ern in Angola an, durch die Lagos als Hauptstadt Angolas mittlerweile zur teuersten Stadt der Welt wurde.

Aufgrund des 30-jährigen Bürgerkriegs liegen in Angola so viele Tretminen, wie in keinem anderen Staat auf dem afrikanischen Kontinent. Opfer sind oft Frauen und Kinder, die bei der Feldarbeit oder beim Spielen verletzt wurden.

Von welcher der Bürgerkriegsparteien die Tretminen hauptsächlich ausgebracht wurden, oder ob alle gleichermaßen dafür verantwortlich gemacht werden müssen, erfahren die Leser*innen nicht.

Unter dem Punkt Behinderung schreibt Francis Müller, dass im globalen Süden mehr Menschen eine körperliche Beeinträchtigung haben als im globalen Norden. Anschließend geht er noch auf Theorien von Behinderung ein.

Es folgt der der Punkt „Urbane Lebenswelten“. Darin wird auf Theorien verwiesen die das Leben in urbanen Lebenswelten einordnen.

Es folgt eine sehr ausführliche Beschreibung seines Ethnografischen Forschungs- Designe. Diese ist für Laienleser*innen eher anstrengend zu lesen, weil zu kleinschrittig auf ethnografische Theorien eingegangen wird

Unter dem Punkt „im Feld“ folgen Ausschnitte aus dem Forschungstagebuch von F. Müller und aus Interviews. Aus einem Gespräch mit dem ANDA Vorsitzenden erfahren die Leser*innen z.B., wie viele Minenopfer es in Angola gibt, wie viele Mitglieder dem ANDA angehören und was ANDA durchsetzen konnte. Beispielsweise wird die, vom Präsidenten eingerichtete, Kommission für behinderte Menschen erwähnt. Außerdem, dass der ANDA fordert, mehr behinderte Menschen in der Politik zu etablieren. Es kommt auch eine Operation des Vorsitzenden der ANDA zur Sprache, die dieser in der DDR erhielt.

Es folgen verschiedene Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen, welche von ihren Wünschen, Träumen und ihrem alltäglichen Leben erzählen. Grundtenor dieser Interviews sind die Forderungen nach sozialen und politischen Rechten, auch auf architektonische Barrierefreiheit wird immer wieder hingewiesen. Immer wieder wird die Wichtigkeit des ANDA, nicht zuletzt als Arbeitgeber*in, angesprochen. Es kommt auch zur Sprache, dass z.B. Prothesen, die im Land hergestellt wurden, exportiert werden um Devisen zu erlangen. Dies führt dann dazu, dass Prothesen wieder teuer importiert werden müssen.

Das Buch vermittelt einen Eindruck vom Leben behinderter Menschen in Angola. Es wird deutlich, dass dort die behinderten Menschen denselben Mechanismen ausgesetzt sind, wie überall anders auf der Welt. Deutlich wird aber auch, dass behinderte Menschen in den geschichtlichen und sozialen Kontext Angolas eingewebt sind und so ihre Lage ihre Spezifik bekommt.

Eine Frage die bleibt, ist die Symbolik mit der Flagge bei der Umschlaggestaltung. Ist sie als Identifikationmittel mit Angola oder als Anklage gedacht? Dass das Zahnrad, welches für die Arbeiter*innenklasse in der angolanischen Flagge steht, erhalten bleibt und als Rad des Rollstuhls übernommen wurde, ist für mich ein starkes Signal der Inklusion ! Ich empfehle dieses Buch aus vollem Herzen. Dieses Buch stellt eindeutig die Forderung nach Inklusion statt nach reiner Integration

Arbeit Inklusion statt Integration Sexualassistenz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.