Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken

Mit dem Buch Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken hat Dennis Krämer im transcript Verlag ein wichtiges Buch vorgelegt. Bevor ich zur Rezension kommen werde möchte ich klarstellen, dass ich nicht der Meinung bin, Intergeschlechtlichkeit sei eine Beeinträchtigung. Damit distanziere ich mich von jeder Art der Pathologisierung. Warum ich mich entschieden habe, eine Rezension auf diesem Blog zu machen, hat zwei Gründe:Rezension: „Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken“Mit dem Buch „Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken“ hat Dennis Krämer im transcript Verlag ein wichtiges Buch vorgelegt. Bevor ich zur Rezension kommen werde möchte ich klarstellen, dass ich nicht der Meinung bin, Intergeschlechtlichkeit sei eine Beeinträchtigung. Damit distanziere ich mich von jeder Art der Pathologisierung. Warum ich mich entschieden habe, eine Rezension auf diesem Blog zu machen, hat zwei Gründe:

1. sollte Inklusion nicht nur Menschen mit Beeinträchtigung zustehen, denn eine inklusive Gesellschaft richtet sich an alle marginalisierten Gesellschaftsgruppen.

2. sehe ich Parallelen im Sport bei der Ausgrenzung von erfolgreichen inter Sportler*innen  erfolgreichen trans Sportler*innen und von erfolgreichen Sportler*innen mit Beeinträchtigung besonders seien hier die Prothesen tragenden Sportler*innen genannt. Die drei  Gruppen von Sportlerinnenn werden dann vom Sport ausgegrenzt, wenn sich die Sportler*innen, die sich für die  Norm halten, also entweder cisgeschlechtliche, endogeschlechtlichen oder nichtbehinderte Sportler*innen um ihre Siege fürchten.

Zum Inhalt des Buches „Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken“ der Titel hat mich irritiert, weil viele Menschen Intersexualität ablehnen, da es sich dabei nicht um eine sexuelle Orientierung handelt, sondern es geht um die Ebene des Körpergeschlechts (engl. „sex“) . Ich werde in der Folge von Intergeschlechtlichkeit sprechen. Im Vorwort geht Dennis Krämer darauf ein, wie er zum Thema Intergeschlechtlichkeit kam. In der Einleitung des Buches geht er auf das Verfahren der intergeschlechtlichen Person „Vanja“ vor dem Bundesverfassungsgericht ein, welche ein wegweisendes Urteil erstritt, so dass Deutschland ein drittes Geschlecht einführen musste. Krämer stellt des Weiteren dar, welche Auswirkungen dieses Urteil auf die Gesellschaft hat, und führt aus, warum er den Sport für einen der letzten Bereiche hält, der dahingehen reformiert werden wird. Auch wenn es Verbesserungen im Kampf gegen Homo- und Transfeindlichkeit im Sport gibt, ist Sport noch immer einer der Geschlechter segregierendensten Bereich der Gesellschaft. Dennis Krämer weist nach, was Geschlechtszuweisung mit unseren Vorstellungen von körperlicher Leistungsfähigkeit zu tun hat. Im Sport, wird die Trennung in „Männer und Frauen“ immer wieder damit gerechtfertigt, sie sei die grundlegende Voraussetzung, dafür einen fairen Wettbewerb gewährleisten zu können. Dadurch werden, insbesondere intergeschlechtliche Personen, die weiblich sozialisiert sind, als Abweichung von der Norm erklärt. Im Buch wird auf die medizinischen Tests und Behandlungen eingegangen, denen sich Sportler*innen seit 1946 im internationalen Leistungssport unterziehen müssen. Erst 2019 wurde erneut diese, meiner Meinung nach, menschenrechtswidrige Praxis, vom CAS, dem Internationalen Sportgerichtshof, legitimiert. Denn da wurde durch den CAS im Verfahren „Semenya gegen die IAAF“ eine Richtlinie bestätigt, die vorsieht, dass Sportler*innen, die auf Distanzen zwischen 400m und einer Meile starten wollen und einen „erhöhten“ Testosteronwert aufweisen, diesen medikamentös senken müssen, um starten zu dürfen. Vertiefend geht das Buch auf drei Fälle Intergeschlechtlicher Sportler*innen ein.

Als erstes wird auf die/den deutsche*n Hochspringer*in Dora Ratjen eingegangen deren*dessen intergeschlechtlicher Körper zu Zeiten des deutschen Faschismus medizinisch problematisiert wurde. In diesem Kapitel wird auch die Geschlechterpolitik im Deutschen Faschismus verhandelt und Dora Ratjen als intergeschlechtliche Person wird in diese eingeordnet. Es wird darauf eingegangen, welche Bedeutung Sport im Nationalsozialismus hatte und welche Auswirkungen das auf das Konstrukt und die Manifestierung einer binären Geschlechterordnung hatte. Naturalisierung von Geschlecht Weibliche Attraktivität und Anmut, Sport als Mono Genderd Feld, und die Pathologisierung des Frauensports, spielten dabei eine große Rolle. Es wird in diesem Abschnitt auch deutlich, in welcher Kontinuität das IOC stand als es 1946 die menschenunwürdigen Geschlechtstest einführte. Krämer verweist darauf, dass es schon in den 30er Jahren Stimmen gab, die Geschlecht als Kategorie für Leistungsklassen für ungeeignet hielten. Dabei wird auch deutlich, dass die Forschungslage zu die/der deutsche Hochspringer*in Dora Ratjen noch nicht besonders aufschlussreich ist. Beschäftigt wird sich auch wie mit Dora Ratjens als Sporler*innen Persönlichkeit vor und nach Bekanntwerden der Intergeschlechtlichkeit umgegangen wurde. Von der Glorifizierung als Idealtypische arische Sportlerin bis zum Zwangsausschluss aus dem Sport und dem Zwang als Mann zu leben. 

Zweitens beschäftigt sich das Buch mit der polnische Kurzstreckenläuferin Ewa Klobukowska und ihrem intergeschlechtlichen Körper im Sport zu Zeiten des Kalten Krieges. Zu Zeiten des Kalten Kriegs kam es von Seiten des Westens zu teils abstrusen Behauptungen über Sportler*innen des sozialistischen Lagers. Denn es wurden intergeschlechtliche Körper als „Eindringling aus dem kommunistischen Sport“ gebrandmarkt. Ewa Klobukowska ist die erste Sportlerin, die auf der Grundlage genetischer Geschlechtertests aus dem Frauensport verband wurde. Die westlich dominierten Sportverbände entfesselten daraufhin eine sexistische und antikommunistischen Kampagne gegen sog. „Mannsweiber“ aus den sozialistischen Staaten.

Drittens wird auf die schon erwähnte Mittelstreckenläuferin Caster Semenja eingegangen. Die Quellenlage zu Caster Semenya ist wesentlich besser. Spannend sind dabei vor allem Studien, welche das Thema Geschlecht mit postkolonialen Theorien verknüpfen, und so die westlich geprägten Narrative, die zu diesem Thema im Sport gelten, sichtbar machen. Es wird die Rolle der Medien kritisch beschrieben. Dabei geht es auch um die Solidarität, welche der Fall Semenja in Südafrika auslöste, wo die Angriffe gegen sie, als rassistische Angriffe auf eine Schwarze Frau gedeutet wurden. D. Krämer verweist auch auf Artikel, in denen mit Blick auf Oscar Pistorius, den ersten Prothesenläufer bei Olympia, und mit Verweis auf Caster Semenja, von einer Transhumanen Gesellschaft geträumt wird. Es wird dort die Meinung vertreten, dass durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine eine Einteilung in verschiedene Geschlechter und in beeinträchtigte und nicht beeinträchtigte Körper obsolet werden würden.  Auch wenn ich weiter oben Parallelen bei der diskriminierenden Behandlung von intergeschlechtlichen Sportler*innen und Prothesen tragenden Sportler*innen angedeutet habe, distanziere ich mich von der These das Prothetik tragende Menschen Vorboten einer transhumanen Gesellschaft sind. Denn Prothesen sind Hilfsmittel und sonst nichts!

Fazit: Das Buch macht deutlich welchen Einfluss Sport darauf hat cis und hetero Normen gesellschaftlich zu verfestigen. Dies gilt es für einen inklusiven Sport aufzubrechen und zu zerschlagen.  Ich empfehle das Buch und denke es sollte in der Sportlehrer*innenausbildung in jedem Fall Pflichtlektüren sein. Arbeit Inklusion statt Integration Sexualassistenz

5 Gedanken zu “Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken”

  1. Hey,
    cool, dass du dich des Themas Intergeschlechtlichkeit annimmst.
    Leider machst du etwas, was viele wohlmeinende Leute machen, nämlich eine queere Folie auf das Thema anlegen – und das geht leider meistens schief. Inter* sind NICHT eine „sexuelle Identität“ und ein Buch über Intergeschlechtlichkeit im Sport macht hoffentlich deutlich, welchen Einfluss Sport darauf hat, endogeschlechtliche Normen gesellschaftlich zu verfestigen. Ich belasse es bei diesen beiden Punkten.
    Ggf. von Interesse: https://www.queer.de/detail.php?article_id=32783

    1. Danke Andreas Hechler wollen sie damit sagen Inter * ist weder sexuelle Identität noch Orientierung? und endogeschlechtlich ist von cis geschlechtlich zu unterscheiden? wenn ja dann hab ich da was noch nicht verstanden.

      1. Ja, genau, Intergeschlechtlichkeit hat nichts mit „Sexualität“ zu tun, sondern ist davon vollkommen unabhängig.
        Intergeschlechtlichkeit bewegt sich auf der Ebene des (1) Körpergeschlechts (engl. „sex“). Das ist zu trennen von (2) Geschlechtsidentität (engl. „gender identity“), (3) Geschlechtsausdruck (engl. „gender expression“) und (4) sexueller Orientierung (hier kann man noch mal aufsplitten in Bindungsverhalten, sexuelle Praxis, Begehren etc.), die unabhängig von den jeweils anderen sind.
        Viele Menschen bringen sexuelle Vielfalt (die 4. Ebene) und geschlechtliche Vielfalt (1.-3. Ebene) durcheinander bzw. bezeichnen auch geschlechtliche Vielfalt fälschlicherweise als „sexuelle Vielfalt“.
        Das Begriffspaar trans*/cis bewegt sich auf der Ebene der Geschlechtsidentität. Für die Ebene des Körpergeschlechts gibt es das Begriffspaar inter-/endogeschlechtlich, manche verwenden für letzteres auch „dyadisch“.
        Zum Weiterlesen:
        https://oiigermany.org/inter-und-sprache/
        https://ihra.org.au/style/

        1. ich habe es jetzt soweit wie ich denke das ich es verstanden habe geändert

          „sehe ich Parallelen im Sport bei der Ausgrenzung von erfolgreichen trans /inter Sportler*innen und von erfolgreichen Sportler*innen mit Beeinträchtigung. Besonders seien hier Prothesen tragenden Sportler*innen genannt. Beide Gruppen werden dann vom Sport ausgegrenzt, wenn sich die Sportler*innen, die sich für die Norm halten, also entweder cis/endogeschlechtliche Sportler*innen oder nichtbehinderte Sportler*innen, um ihre Siege fürchten.

          Zum Inhalt des Buches „Intersexualität im Sport – Mediale und medizinische Körperpolitiken“ der Titel hat mich irritiert, weil viele Menschen Intersexualität ablehnen, da es sich dabei nicht um eine sexuelle Orientierung handelt, sondern es geht um die Ebene des Körpergeschlechts (engl. „sex“).“

          Was ich nicht ganz verstehe warum Inter* keine Identität ist wenn mensch als Inter geboren wird und das so annimmt ist Genderidentität doch inter* oder und wenn die Person gegen ihren Willen operiert wurde aber als inter Person lebt ist sie doch auch inter* oder?

          1. Ich versuche mal eine Antwort. Ich würde sagen, dass Inter* AUCH eine Geschlechtsidentität sein KANN, die allermeisten Inter* aber als „Mann“ oder „Frau“ leben. Manche Inter* sehen sich bspw. auch als „intergeschlechtlicher Mann“ oder als „Herm und Frau“.
            Sich selbst eine intergeschlechtliche Geschlechtsidentität zu geben ist hierbei allerdings etwas, das NICHT allen Menschen offen steht, sondern nur denen, die auf der Ebene des Körpergeschlechts intergeschlechtlich sind. Hier würde ich einen Unterschied zu Trans*-Diskursen sehen bzw. der Forderung, dass alle Menschen ihr Geschlecht selbst definieren können sollen. Diese Forderung unterstütze ich, bei „inter*“ als Geschlechtsidentität gibt es aber eine Ausnahme…

            Bei diesem Thema sollte stets im Hinterkopf behalten werden, dass aus einer Inter*-aktivistischen Sicht diese Fragen periphär zu dem Kernanliegen sind, ein Ende medizinischer Gewalt gegenüber Inter*-Körpern herbeizuführen. Wenn das erreicht ist, kann man immer noch viel über Identitäten etc. diskutieren. Solange es aber nach wie vor die brutale medizinische Gewalt gegenüber Inter* gibt, kann es schnell eine Schieflage geben, wenn über diese Frage (analog: all-gender-Toiletten, die dritte Option im Recht, …) mehr diskutiert wird als über medizinische Folter.

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