Behinderte Menschen in der Sowjetunion „Diskriminiert-vernichtet-vergessen“ eine Rezension

Der Franz Steiner Verlag mit Alexander Friedman und Rainer Hudemann als Verleger, haben 2016 die erste umfassende Studie über behinderte Menschen in der Sowjetunion herausgebracht. Das Buch ist in 3 Abschnitte eingeteilt. Es hat 563 Seiten. Die Arbeit ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes zur Situation behinderter Menschen in der Sowjetunion mit dem Fokus auf Weißrussland. Forscher aus Deutschland, Russland, der Ukraine und Weißrussland analysierten dieses bislang wenig erforschte Gebiet. Die Kapitel werden von verschiedenen Autor*innen dieser Länder bearbeitet.

In der Einführung wird darauf hingewiesen, dass der 1. Weltkrieg, die Oktoberrevolution und der polnisch-sowjetische Krieg zu massiven Verwerfungen in diesen Regionen führte und deshalb das Gesundheitssystem zusammenbrach. Die Autor*innen weisen außerdem darauf hin, dass die sowjetische Führung nach der Oktoberrevolution bestrebt war, das Gesundheitssystem wieder aufzubauen und die Ausbildung auf diesem Gebiet zu verbessern. Auch dass der Nationalsozialismus für die Sowjetunion der größte Feind war, wird erwähnt. Die Sowjetunion verwies stets auf die Morde an behinderten und kranken Menschen durch die deutschen Faschisten. Man erfährt, dass in den Jahren des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakts, im Buch, wie so oft, verkürzt als „Hitler-Stalinpakt“ bezeichnet, die sowjetische Kritik an den deutschen Faschisten nicht so deutlich, wie davor oder danach war.

1. Abschnitt – behandelt die Zeit 1917-1941 der 2. Abschnitt – behandelt die Zeit 1941-1945 und der 3. Abschnitt – behandelt die Zeit seit 1945-1991. Alle Abschnitte sind in mehrere Unterkapitel unterteilt.

1.Abschnitt des Buches

Die konkreten Beispiele beziehen sich meist auf die Situation behinderter Menschen in den Weißrussischen Gebieten der Sowjetunion, sind aber auf die Situation in der gesamten Sowjetunion übertragbar. Die Behindertenfürsorge der jungen Sowjetunion wird, bezugnehmend auf Lebina Romanov und Jarskaja – Smirnova, in drei Entwicklungsstufen eingeteilt:

a) die „utopische Periode“ in der Zeit des Kriegskommunismus und des Bürgerkrieges der Jahre 1917-1921.

b) die „urbane Periode“ in der Zeit der „Neuen Ökonomischen Politik“ 1921-1927.

c) die „industrielle Periode“ ab 1927.

Diese Einteilung ist nach meiner Einschätzung sinnvoll und gut begründet.

Es wird dargestellt, dass am Anfang der ersten Phase zunächst nur Kriegsinvalide der Roten Armee von sozialen Leistungen für beeinträchtige Menschen profitieren. Ab 1921 führte die Sowjetunion das Kriterium der Arbeitsfähigkeit für die Definition von Beeinträchtigung ein. Je nach Schweregrad der Beeinträchtigung wurden behinderte Menschen zunächst in fünf Gruppen eingeteilt. Angehörige der ehemaligen Ausbeuter*innenklasse (Großgrunbesitzer*innen, Kapitalist*innen und hohe Beamte des Zaren) wurden von allen Sozialleistungen ausgeschlossen, auch wenn sie eine Beeinträchtigung hatten. In der Phase der „Neuen Ökonomischen Politik“ ab 1921 wurden die Renten für Menschen mit Beeinträchtigungen massiv erhöht. Darüber hinaus wurden die Behindertengenossenschaften, eingerichtet um Arbeit für diesen Personenkreis bereitzustellen. Behinderten Menschen wurde ab diesem Zeitpunkt planmäßig zweckmäßige Ausbildung und Arbeit zugewiesen, dabei wurde das Klassenprinzip beibehalten: Ehemalige Großgrundbesitzer*innen und Kapitalist*innen kamen nicht in den Genuss solcher Leistungen. Auch behinderte Menschen aus der Bauernklasse wurden denen der Arbeiter*innenklasse gegenüber schlechter gestellt. Behinderte Menschen aus der Bauernklasse wurden über eine Rentenkasse, in die alle Kolchosenmitglieder einzahlten mussten, finanziert. Eine allgemeine Arbeitsunfähigkeitsversicherung für Bauern gab es in der Sowjetunion erst ab 1964. Die subtile Kritik die die Autor*innen an dieser Vorgehensweise üben ist meiner Meinung nach nicht schlüssig begründet, weil sich dieses Vorgehen durch die allgemeine Politik, der Brechung des Klassenprivilegs, gut begründen lässt.

Das allgemeine Bild, dass zu dieser Zeit in der Sowjetunion von behinderten Menschen herrschte, wird im Buch als eines „des von der Fürsorge abhängigen Menschen“ und nicht als eines, dass von selbstbestimmten Subjekten ausgeht, beschrieben. Anzumerken ist dazu aber, dass dieses Bild von behinderten Menschen zu dieser Zeit weltweit vorherrschte und zum Teil bis heute noch immer besteht. Die Kritik der Autor*innen an mangelnder Barrierefreiheit und daran, dass inklusive Utopien in der jungen Sowjetunion nicht umgesetzt wurden, ist deshalb lächerlich. Die Autor*innen geben Hinweise, dass die Behindertenfürsorge in der Umsetzung in den frühen Jahren der Sowjetunion sehr mangelhaft gewesen ist. Es wird beschrieben, dass das Klassenprinzip in einigen Fällen aus Gründen des Mangels an Kapazitäten zu Gunsten von Veteranen der Roten Armee überdehnt wurde. Systematik kann ich bei den beschriebenen Fällen nicht erkennen.

Es folgt ein Kapitel, in dem Repression gegenüber behinderten Menschen dargestellt werden soll. Allerdings geht es in dem Beispiel dann um eine Gruppe Gehörloser, die wegen faschistischer Propaganda angeklagt waren. Die Autor*innen schreiben dass sie durch Gebärdendolmetscher*innen verhört wurden. Dies könnte, positiv betrachtet, als ein früher Ansatz von Inklusion bezeichnet werden.

Im folgenden Kapitel geht es um Behindertengenossenschaften welche während der Neuen Ökonomischen Politik ab 1921 Teil der sozialistischen Ökonomie wurden. Dort waren zuerst nur Kriegsinvalide beschäftigt, was sich ab 1923 änderte. Die Kritik, der Autor*innen dass eine Ärztekommission darüber entschied, ob ein behinderter Mensch der Genossenschaft beitreten durfte oder nicht, ist berechtigt. Zwischen den Jahren 1925 und 1927 zerfielen die Behindertengenossenschaften fast vollständig, da auf Grund zu harter Arbeit viele ihrer Mitglieder austraten.

Ab 1929 kam es zur sogenannten „Großen Wende“. Das bedeutet, dass ab dem ersten 5.- Jahresplan und der verstärkten Industrialisierung der sowjetischen Wirtschaft die Behindertengenossenschaften in die zentrale Planwirtschaft eingegliedert wurden. Der Nachteil, der daraus materiell für die in den Genossenschaften arbeitende behinderte Menschen entstand, war dem Umstand geschuldet, dass die Löhne, vorher vom Gewinn der einzelnen Genossenschaft abhängig waren, und nun auf feste Stundenlöhne umgestellt wurden. Diese orientierten sich am damaligen Durchschnittslohn. Diese Anpassungen führten in einigen Genossenschaften zu niedrigeren Löhnen. Die durch die Genossenschaften betriebenen Läden wurden aufgelöst, die Waren durften nur noch auf Märkten verkauft werden. Man erfährt, dass diese Umstellung im Genossenschaftswesen nicht nur die Behindertengenossenschaften betraf. Die Kritik der Autor*innen daran erscheint mir deshalb nicht berechtigt. Bis 1939 wuchs die Zahl der Beschäftigten in den Behindertengenossenschaften der gesamten Sowjetunion auf 230.000. Ab 1937 wurden dann auch dort, wie in allen Bereichen der sowjetischen Wirtschaft, die verschärften Gesetze zur Arbeitsdisziplin angewandt. Da dies aber für alle Bereiche der Wirtschaft galt ist dieses Vorgehen nicht als behinderten politisches Thema zu werten, was die Autor*innen aber tun.

Im folgten Kapitel geht es um Psychiatrien in den Jahren 1917-1941. In einem weiteren dann um das Psychiatriewesen nach der Revolution. Die materielle Situation, ebenso wie die personelle Ausstattung mit Fachpersonal war eher mangelhaft aber die Behörden versuchten dagegen vorzugehen. Der Zustand in den Psychiatrien blieb bis in die 1930er eher prekär. Zwischen den höher gestellten Ärzt*innen und den Behörden gab es immer wieder Probleme, weil viele Ärzte, auf Grund ihres Klassenstandpunktes, das sozialistische System ablehnten systematische Verbrechen an behinderten und/oder psychisch kranken Menschen gab es nicht. Allerdings kam es im Rahmen der Arbeitstherapie immer wieder zu Verfehlungen durch einzelne Psychiater. Die psychiatrische Forschung wird als auf einem hohen fortschrittlichen Niveau dargestellt. Die Aufnahme deutsch-jüdischer Psychiater in der Sowjetunion, um diese vor Verfolgung in Nazi-Deutschland zu schützen, als ideologischen Schritt zu kennzeichnen, und damit den Versuch zu unternehmen, dies zu diskreditieren, wie es die Autor*innen hier tun, empfinde ich als widerlich.

Es folgt ein Kapitel über die Kinder- und Mütterfürsorge der Sowjetunion ab den 30er Jahren. Bezeichnend für die Gesamtausrichtung des Buches ist, dass dieses Thema erst ab den 30ger Jahren ausführlich behandelt wird, und somit der Vorbildcharakter der Politik auf diesem Gebiet seit der Oktoberrevolution unerwähnt bleibt. Dass komplette Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen 1936 durch Stalin, muss als reaktionäre Wende betrachtet werden, denn die Sowjetunion war bereits 1920 das erste Land der Welt, in dem Schwangerschaftsabbruch legal war. Bei den sog. Volksbesprechungen, die vor dem in Krafttreten dieses Verbots im ganzen Land durchgeführt wurden, und auf denen dieses Verbot mehrheitlich für gut befunden wurde (leider, Anmerkung D. H.), sprachen sich nur vereinzelt Stimmen dafür aus, u.a. bei Frauen mit übertragbaren Erbkrankheiten Schwangerschaftsabbrüche aus eugenischen Gründen weiterhin zu erlauben. Diese eugenischen Ansätze wurden aber nicht ins Gesetz übernommen. Gut so!

In einem Abschnitt über Kinderpolitik weisen die Autor*innen auf eugenische Argumentationsmuster hin. Z.B. schrieb L. M. Vasilevskji 1920, um Eltern von der Notwenigkeit gesunder Lebensführung und Ertüchtigung ihrer Kinder zu überzeugen, folgendes: „Schwache, kränkelnde Menschen seien nicht im Stande, im erforderlichen Maße zu arbeiten, wodurch sie für die Gesellschaft ohne Nutzen seien. Anmerkung meinerseits: Es muss festgestellt, werden, dass gegen solche Äußerungen nicht vorgegangen wurde, sondern diese geduldet waren. Das ist beschämend und für ein sozialistisches Land nicht hinzunehmen. Zuzustimmen ist Makosh (dem Autor), wenn er problematisiert, dass im Rahmen der Kampagne zum Verbot der Abtreibung, auftretende Unfruchtbarkeit nach Abtreibung propagandistisch genutzt wurde, das Verbot zu rechtfertigen. Was meines Erachtens nachlässig ist, ist, dass in diesem Kapitel nichts über die Schulbildung behinderter Kinder geschrieben wird.

Es folgt eines der zentralen Kapitel des Buches mit dem vielsagenden Titel „Behindertenbilder der sowjetischen Vorkriegspropaganda“. In diesem setzt sich Vasili Matokh, unter den Autor*innen der einzige, der Behinderung als sein Forschungsgebiet ansieht, mit dem offiziellen Bild behinderter Menschen in der Sowjetunion auseinander. Es wird dabei generell Anstoß daran genommen, dass Arbeitsfähigkeit als Kategorie zur Bestimmung von Behinderung verwendet wurde. Dadurch wird jedoch ein innerer Widerspruch mit der Argumentation der übrigen Autor*innen hergestellt, weil durch diese kritisiert wird, dass in der frühen Sowjetunion behinderte Menschen als bedauernswerte Objekte der Fürsorge dargestellt wurden. Matokh spricht nun davon, dass in den 30ger Jahre propagiert wurde, behinderte Menschen durch Teilhabe am Arbeitsmarkt in die Lage zu versetzen, ihren Anteil zum Aufbau des Sozialismus beizutragen. Matokh versteigt sich sogar dazu, die Einbeziehung der behinderten Menschen in die Stachanov Bewegung (= Kampagne zur Steigerung der Arbeitsnorm) zu kritisieren, bzw. diesen Umstand lächerlich zu machen.

Auf Ablehnung durch den Autor stößt, dass behinderte Personen in die vormilitärischen Übungen eingebunden wurden, um mit der Waffe in der Hand den Sozialismus verteidigen zu können. Wie in den vorangegangenen Sätzen kritisiert er auch hier ein inklusives Vorgehen.

Meines Erachtens braucht sich die Sowjetunion vor dem 2. Weltkrieg in Bezug auf das Paradigma der Inklusion nicht vor Staaten wie der BRD im Jahr 2016 (2020) zu verstecken.

Der 2. Abschnitt des Buches dreht sich um die Situation behinderter Menschen in der Sowjetunion während der Besatzung durch die Deutschen ab dem Überfall 1941 bis 1945. Der erste Unterabschnitt beschäftigt sich mit der Innenpolitik der Deutschen Faschisten. Die Autor*innen beschreiben dabei das Konstrukt der gesunden Volksgemeinschaft durch diedeutschen Faschisten dazu gehörte auch, dass durch Krieg beeinträchtigte Männer zu dieser „gesunden“ Volksgemeinschaft gehörten. Beeinträchtigte Menschen mit zivil erworbenen Beeinträchtigungen oder seit Geburt beeinträchtige Menschen aber nicht. Die Faschisten führten sogar eine Partner*innenbörse für durch Krieg beeinträchtigte Männer ein. Hauptsächlich Kriegswitwen aber auch andere erbgesunde Frauen trugen sich dort ein. Offizielles Ziel dieser Partner*innen-Vermittlung war es, dass die Frauen als treusorgende Ehefrauen den behinderten Männern wieder Lebensfreude geben sollten. Die durch Krieg behinderten Personen sollten auch wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Zur Aufrechterhaltung der „Erbgesundheit“ wurden sogenannte „Eheberatungen“ durchgeführt. Darüber hinaus führten die deutschen Faschisten Zwangssterilisationen durch. Behinderte und kranke Menschen wurden ermordet. Die Autor*innen schreiben, dass sich in der Zeit der Okkupation die bereits prekäre Situation in den Psychiatrien noch weiter verschärfte, die deutsche Propaganda versuchte, die deutsche Besatzung als Befreiung vom bolschewistischen Joch darzustellen und die Errungenschaften des deutschen Gesundheitssystems zu preisen. Von Seiten der deutschen Besatzer wird der Sowjetregierung Untätigkeit bei z.B. der Bekämpfung von Seuchen unterstellt. Die Besatzer richten Ausbildungsmöglichkeiten für explizit weißrussische Bevölkerungsteile ein und versuchen mit Hetze gegen Russen und Juden diese Teile der Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Es gab auch eine, von den Besatzern extra für Weißruss*innen eingerichtete Krankenversicherung. Die Autor*innen machen deutlich, dass der Druck, Bestechungsgelder zu zahlen, um eine Behandlung oder Medikamente zu bekommen sehr stark wurde.

Warum an dieser Stelle nicht verstärkt auf Kollaboration durch Ärzte mit den Besatzern eingegangen wird, wie schon in einem kurzen Abschnitt im 1. Teil des Buches, wo es eigentlich um die Geschichte des sowjetischen Gesundheitssystems geht, ist für mich fraglich und unverständlich. In dem früheren Abschnitt wurde u.a. darauf eingegangen, dass Teile des medizinischen Personals dem psychischen Druck an den Mordaktionen der Deutschen beteiligt zu sein, nicht standhielten und von den Deutschen entlassen wurden. Durch die deutschen Besatzer wurden in den weißrussischen Gebieten alle Psychiatrien aufgelöst, alle Patient*innen wurden ermordet. Zu lesen ist auch vom Widerstand von Ärzt*innen gegen die Besatzer*innen. Dieser Widerstand rettete Menschenleben, Zahlen sind nicht bekannt. Dies wird auch im Buch so benannt und die mangelnden Zahlen sind nicht den Autor*innen anzulasten.

Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit Eugenik, Rassenhygiene und Euthanasie. Als erstes erfolgt ein Abriss über die Entstehung einer eugenischen Bewegung die durch William Draper ins Rollen gebracht wurde. Dieser berief sich dabei auf Charls Darwin. Auch Ernst Heackel, der deutsche Genetikpapst ist Teil dieser Eugeniktradition. Deren Ziel war, die sogenannte „Veredelung der Rasse“. Im Buch wird darauf verwiesen, ebenso wie auf ihre Verschränkung mit Rassismus. Der Versuch beeinträchtigtes Leben durch Eugenik zu verhindern oder später durch Euthanasie auszumerzen wurde immer mit dem Leid der Betroffenen oder dem ihrer Eltern begründet. Bereits 1905 gründete sich die Deutsche eugenische Gesellschaft, deren Entstehung sich bereits bis 1873 zurückverfolgen lässt, aber durch den 1. Weltkrieg ein vorläufiges Ende fand und erst wieder in der Weimarer Republik aufgegriffen wurde. Im Deutschen Faschismus mündete sie in einem Massenmord an behinderten Menschen. 250000 Menschen wurden in Deutschland ermordet und 400000 wurden zwangssterilisiert. In den besetzten Gebieten kamen noch 100000 bis 250000 ermordete behinderte Menschen hinzu. In dem Abschnitt wird auf die Euthanasie-Morde in den baltischen Staaten eingegangen. Der Autor beschreibt, wie dabei auch auf Eugenikdebatten der Zwischenkriegszeit zurückgegriffen wurde. In Lettland erfolgte die Euthanasie in zwei Phasen. Erst wurden alle jüdischen behinderten und kranken Menschen ermordet. Im Anschluss dann alle anderen kranken und behinderten Menschen, die in Psychiatrien und Heimen untergebracht waren. In Lettland wurden die meisten Euthanasie-Opfer erschossen. In Estland und Litauen griff man auf die Methode des „planmäßigen Verhungernlassens“ zurück. Wegen einer stabilen eugenischen Tradition gab es in den baltischen Staaten keinen nennenswerten Widerstand gegen die Mordaktionen der deutschen Besatzer. Bei ihrer Darstellung von Euthanasie in den weißrussischen Gebieten stellen die Autor*innen dar, wie das Thema Euthanasie vor dem Einmarsch der Deutschen dort behandelt wurde und auch welchen Anteil dieses Thema in der Propaganda der Kollaborateure hatte. In den polnisch Westweißrussischen Gebieten, z.B. breitete sich nach dem 1.Weltkrieg die eugenische Bewegung ungehindert aus. Unter der Deutschen Okkupation wurde sie Teil der Terrorherrschaft in allen Teilen der weißrussischen Gebiete. Die Autor*innen gehen noch auf alle anderen sowjetischen Gebiete ein, die von den Deutschen besetzt worden waren und stellen ausführlich vor, welche Rolle Eugenik dabei spielte. Was mich dabei irritiert ist, dass es die Autor*innen, Neben der angebrachten Kritik, dass sich dieses Gedankengut in der frühen Sowjetunion ungehindert verbreiten konnte, ja manchmal sogar gefördert wurde, auch für nötig halten, Kritik an der Behandlung der Eugeniker ab Mitte der 30er Jahre zu äußern. Ab diesen Zeitpunkt kam es nämlich zu einem Umdenken. Denn Eugeniker mussten sich dem Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen Faschisten stellen. Im Zuge der großen Repressionswelle 1937 wurden dann auch einige Eugeniker hingerichtet. Auch wenn ich kein Freund der Todesstrafe bin, wirkliches Mitleid verspüre ich in diesen Fällen nicht.

Im 3. Abschnitt des Buches geht es um behinderte Menschen in der Sowjetunion nach 1945 und um die Situation behinderter Menschen in den Postsowjetischen Staaten. Darin greifen die Autor*innen die Geschichte von Aleksej P Maresev, dem Jagdflieger ohne Beine, auf. Dieser wurde durch die Sowjetische Führung zum Inbegriff des behinderten Menschen in der Sowjetunion erklärt, denn er setzte seine Karriere als Jagdflieger in der Roten Armee nach dem Verlust seiner Beine unbeirrt fort. Im Roman „der wahre Mensch“ von 1950 wird seine Biografie vorgestellt. Aleksej P Maresev wurde nach dem Krieg zum Sekretär des sowjetischen Komitees der Kriegsveteranen und stand dadurch im Rampenlicht der sowjetischen und internationalen Öffentlichkeit. Darüber hinaus setzte er sich stark für behinderte Kriegsveteranen ein. Maresev galt als großer Freund der DDR. Warum die Autor*innen versuchen, seine Friedensarbeit und seine Sorge vor einem Wiedererstarken des Faschismus in der BRD zu diskreditieren, ist mir ein Rätsel. Sogar seinen souveränen Umgang mit seiner Beeinträchtigung machen sie ihm zum Vorwurf. Das ist, meines Erachtens ein unzulässiger Versuch, der Sowjetunion reine Propaganda in ihrem Bestreben jedem Menschen zu einem nützlichen Teil der Gesellschaft werden zulassen, unterstellen zu können. Die Beschreibung gipfelt, m.E. darin, dass versucht wird, Maresev als Vorbild für die Jugend zu diskreditieren. Schulen, Sonderschulen und Jugendeinrichtungen in der Sowjetunion und auch in der DDR trugen seinen Namen. Der Versuch der Autor*innen dabei so zu tun als wären Sonderschulen ein Phänomen des Sozialismus ist absurd. Auch den kubanische Revolutionär Fausto Dias, der mit 18 Jahren bei einem Angriff der US-Amerikaner in der Schweinebucht seine Beine und den rechten Arm verlor, und der eine beachtliche politische Karriere machte wurde von den Autor*innen als reines Werkzeug der cubanisch sowjetischen Propaganda dargestellt. Für mich bedeutet dieses Vorgehen der Autror*innen, dass für sie sind behinderte Menschen, die sich als überzeugte Sozialisten/Kommunisten zu erkennen geben, sind für sie  behinderte Menschen zweiter Klasse.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Situation behinderter Menschen in Weißrussland seit 1991. Nach dem Ende der Sowjetunion war der Zustand der Situation von behinderten Menschen dort eher schlecht. Seit damals tut sich aber einiges. Die Autor*innen stellen Weißrussland ein gutes Zeugnis aus, was die Wohnsituation behinderter Menschen angeht. Seit 1991 gibt es in Weißrussland ein Gesetz, welches das Recht auf Betreuung durch einen Pflegedienst zu Hause garantiert. Es gibt staatliche Vergünstigungen oder direkte Zuwendungen für behinderte Menschen. Im Bildungsbereich setzt Weißrussland auf Integration (nicht auf Inklusion im Sinne der UN-BRK). Sogenannte Korrekturzentren wurden eingerichtet. Diese haben drei Aufgaben:

1. Kinder zu unterrichten, die (angeblich, Anmerkung D.H.) wegen ihrer Beeinträchtigung nicht in regulären Schulen, auch nicht in dort eingerichteten Sonderklassen unterrichtet werden können.

2. Werden therapeutische Angebote, wie z.B. Logopädie für Schüler*innen der Regelschulen angeboten.

3. Aspekt ist die Beratung von Schulen.

Es ist aber immer noch so, dass nicht alle Kinder in diese Korrekturzentren oder in Regelschulen gehen, sondern mehr schlecht als recht zu Hause unterrichtet werden. Die Arbeitssituation gerade für lernbeeinträchtigte Menschen sieht ebenfalls nicht rosig aus, auch wenn vor allem die Orthodoxe Kirche mittlerweile Werkstätten betreibt.

Im Buch wird unkritisch daraufhin gewiesen, dass beim Aufbau dieser Strukturen deutsche Berater*innen halfen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Deutschland vom UN-Ausschuss zur Einhaltung der Behindertenrechtskonvention 2015 für das Werkstattsystem in Deutschland massiv kritisiert wurde.

Die staatlichen, weißrussischen Behörden behindern die Arbeit der Werkstätten, bieten aber keine Alternativen an. Viele behinderte Menschen dürfen darüber hinaus nach medizinischen Gutachten nicht arbeiten. Auch wenn diese Werkstätten vielleicht besser als Nichts sind, die Begeisterung des Autors ist für mich nicht nachvollziehbar, denn mit Inklusion hat das nichts zu tun! Die Aufarbeitung der Kranken und Behindertenmorde wurde in der Sowjetunion nur schleppend und nicht systematisch angegangen. Das war aber auch in der BRD der Fall. Die Nichtzulassung sowjetischen Zeugen vor Westdeutschen Gerichten wegen des Verdachts der Manipulation durch den KGB wird, m.E., durch Autor*innen indirekt gerechtfertigt indem die negative sowjetische Berichterstattung über den Prozess als Propaganda bezeichnet wird.

Mein Fazit:

Der 1. und 3. Teil der Abhandlung vollzieht, meines Erachtens häufig Herleitungen, welche mit dem Anspruch, eine Umfassende Darstellung über die Situation behinderter Menschen in den Jahrzehnten 1917 – 1991 nicht gerecht werden, da es die Autor*innen nicht schaffen objektiv die Vorgehensweisen, bzw. Errungenschaften der Sowjetunion zu betrachten.

Im 2. Abschnitt zeichnen die Autor*innen ein umfangreiches Bild der Morde an behinderten und kranken Menschen nach dem Überfall auf die Sowjetunion und dabei merkt man deutlich, dass der 2 Weltkrieg und der Überfall auf die Sowjetunion, sowie die Politik der Deutschen während der Besatzung, Schwerpunktthemen in der Forschungsarbeit der Autor*innen sind. Die Okkupation der Sowjetunion durch die Deutschen kostete 20 Millionen Menschen das Leben und ist schon deshalb Grund genug, sich damit zu beschäftigen.

behinderte Menschen

 

 

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