Ich will raus“ von Ottmar Miles-Paul –  ein Rezension

„Ich will raus: Von der Exklusion zur Inklusion“ von Ottmar Miles-Paul – eine Rezension

Am ersten Januar 2026 erschien der zweite Roman von Ottmar Miles-Paul: „Ich will raus: Von der Exklusion zur Inklusion“.Sein erster Roman war „Zündeln an den Strukturen“. https://inklusion-statt-integration.de/zuendeln-an-den-strukturen-eine-rezension/. Aus meiner Sicht ist es zu empfehlen, beide in Erscheinungsreihenfolge zu lesen. „Ich will raus“ spielt im Jahr 2034. Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen feiert ihr 25-jähriges in Kraft treten in Deutschland. Das Buch beginnt mit zwei Autor*innen-Portraits, einmal das von Ottmar Miles-Paul und dann das seiner fiktiven Ko-Autorin Helen Weber. Es folgt ein kurzes stichelndes, den Autor huldigendes Vorwort von Sigrid Arnade, einer Aktivistin der Behindertenbewegung, Honorarprofessorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Danach kommt eine Erklärung, wem dieses Buch gewidmet ist und als letzter Punkt ist das Motto der internationalen Behindertenbewegung der 80er Jahre der Handlung vorangestellt. 

Die Handlung  von Ich will raus beginnt damit, dass die behinderte Aktivistin Helen Weber auf dem Weg in ein Fernsehstudio ist. Sie soll in der renommierten Fernsehsendung „Menschenrechte konkret“ von den Erfolgen der Enthinderungsgruppe berichten. (Die Enthinderungsgruppe kennen wir als Leser*innen, wenn wir „Zündeln an den Strukturen“ gelesen haben.) Außerdem soll ein brisanter Recherchebericht über die Verquickungen von Politiker*innen mit Behinderteneinrichtungen ausgestrahlt werden. Durch die Gedanken von Helen Weber nimmt die Handlung die Leser*innen mit in die Situation, in der sich behinderte Menschen 2034 befinden. Die angedeuteten Entwicklungen der Inklusionspolitik sind ein nicht ganz unrealistisches Szenario. Nach dem Brand in der Behindertenwerkstatt, der in „Zündeln an den Strukturen“ beschrieben wird, kommt es zu ein paar kleinen Verbesserungen in der Inklusion behinderter Menschen. 2029 kommt es zu einer rechten Regierung, die Situation für Inklusion wird massiv schlechter, ich würde  aber von einer rechten, sondern von einer faschistoiden Regierung sprechen , denn eine rechte Regierung haben wir real schon. Diese Regierung zerbricht im Buch im Jahr 2031 wieder (Diese Hoffnung trau ich mich nicht zu träumen) und danach wird es wieder etwas besser für behinderte Menschen. Aber auch 2034 leben noch zu viele behinderte Menschen in Heimen und müssen in Werkstätten arbeiten. (Dass auch 2034 noch behinderte Menschen in Heimen wohnen müssen und in Werkstätten arbeiten, ist leider sehr realistisch, wenn nichts Schlimmeres passiert.) Während Helen Weber auf dem Weg ins Fernsehstudio ist, bereitet sich Christoph Zickler auf seinen Anschlag auf die Fernsehsendung vor. Während der Livesendung kommt es dann auch zu dem Bombenanschlag auf die Sendung. Helen Weber wird verletzt und liegt zwei Wochen im Koma. Im Zweiten Kapitel erfahren die Leser*innen  von den Sorgen, die sich die Mitglieder der Enthinderungsgruppe und vor allem ihr Ehemann um die Gesundheit von Helen machen, aber auch wie die Medien reagieren und wie die Politik reagiert und ankündigt ihre Inklusionsbemühungen zu verstärken. Durch den Anschlag wurde die Ausstrahlung des Beitrags über die Verhinderung der Inklusion durch Politik und Träger der Behindertenhilfe erstmal verhindert, was dem Täter und seinem ideologischen Umfeld Befriedigung verschaffte. Der Täter zieht sich für drei Wochen an die Ostsee zurück. Dort genießt er seinen Erfolg für sich alleine, aber langsam resigniert er, weil sich alles nur um Helen Weber und ihre Gesundheit zu drehen scheint. Manche Forderung aus ihm nahe stehenden Kanälen im Internet nach einem Staatsstreich sind ihm aber auch zu krass.

Als Helen Weber wieder aus dem Koma erwacht und sich erholt hat, gibt die Enthinderungsgruppe im Krankenhaus eine Pressekonferenz und der Aktivismus der Gruppe beginnt neue Fahrt aufzunehmen. Die Ermittlungen zum Anschlag stocken. Einmal fragt eine Polizistin bei Helen Weber nach, ob der Anschlag irgendwas mit der Brandstiftung auf die Behindertenwerkstatt zu tun haben könnte. Die Gruppe beschließt, einen Roman über ihre bisherige Arbeit zu schreiben und sie holen sich dafür Hilfe bei Ottmar Miles-Paul, dieser sagt zu. Was noch alles passiert und ob der Anschlag aufgeklärt wird, das solltet ihr selbst lesen.

Im Nachwort schreibt Ottmar Miles-Paul

“Der Ausflug ins Jahr 2034 in Sachen politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Bereich der Inklusion ist gewagt.“ „Das ist mir bewusst.” Und dann geht er auf die reaktionäre Wende in der Welt ein und beschreibt, was diese für behinderte Menschen bedeutet.

Außerdem geht er noch auf ein stilistisches Mittel ein, warum die Personen manchmal mit Vor- und Nachnamen geschrieben worden sind und manchmal nur mit Vornamen. Er erklärt, was das damit zu tun hat, dass behinderte Menschen auch in Räumen, wo eigentlich gesiezt wird, ungefragt geduzt werden.  

Es folgt die Danksagung, danach folgt noch der reale Bericht von Manja Schulz und ihrer Selbstbefreiung aus der Werkstatt und zu guter letzt kommt eine Namensliste der Protagonist*innen aus dem Buch, diese würde aus meiner Sicht eher am Anfang Sinn ergeben.

 

Meine Kritikpunkte:

  1. Warum hat der Attentäter einen behinderten Bruder? Das wirkt einfach unnötig konstruiert und suggeriert, dass der Täter ihn ja vielleicht nur vor Extremisten schützen wollte.
  2. Auch dass der ermittelnde Kommissar eine behinderte Schwägerin hat, wirkt unnötig konstruiert.
  3. Dass die Polizei nach so einem Anschlag von Terror sprechen würde, halte ich auch nicht für sehr glaubwürdig, wenn ich mir die Anschläge aus rassistischen Motiven der letzten Jahre anschaue, wo immer von Einzeltätern und nie von Terrorismus gesprochen wurde.
  4. Generell wird mir der Täter zu weich gezeichnet.

https://kobinet-nachrichten.org/

Ich will raus ist eine absolute Empfehlung

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