Am 3. November 2025 ist “Das Patriarchat im Uterus: Ein Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung” von Dr. Alicia Baier bei Droemer erschienen. Dr. Alicia Baier ist Gynäkologin und Co-Gründerin von Doctors for Choice Germany, einem deutschlandweiten Netzwerk von Ärzt*innen, Studierenden und Menschen aus anderen Gesundheitsberufen, das sich für den selbstbestimmten Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen einsetzt. https://doctorsforchoice.de/
In Teil I von Das Patriarchat im Uterus mit dem Titel Politik und Macht zeichnet Alicia Baier die lange Geschichte der Entmündigung von ungewollt schwangeren Personen nach. Dr. Alicia Baier zeigt, wie über Jahrhunderte hinweg religiöse, rechtliche und politische Institutionen das Selbstbestimmungsrecht von ungewollt schwangeren Personen über den eigenen Körper eingeschränkt und kontrolliert haben. Sie geht auf die Entstehung und die Geschichte des Paragraphen 218 im Strafgesetzbuch beginnend vom Deutschen Kaiserreich über die Weimarer Republik den Faschismus sie beschreibt den unterschiedlichen Umgang der beiden Deutschen Staaten BRD und DDR ein und sie geht auf den politischen Umgangs Deutschland nach der sog. Wiedervereinigung ein. Neben dem jeweiligen Umgang des Staates und seiner Institutionen zu den verschiedenen Zeiten vom Kaiserreich bis heute weist Dr. Alicia Baier auch auf die verschiedenen Protestwellen der Frauenbewegung hin.
Nach einer Phase der relativen Ruhe seit Mitte der 90er Jahre kam ab 2018 wieder Fahrt in die Debatte um den Paragraph 218. Große Teile der Frauenbewegung setzten große Hoffnungen in die Ampel-Regierung von SPD, Grüne und FDP, diese Hoffnungen wurden enttäuscht, ja regelrecht verraten.
Sehr gut beschreibt Dr. Alicia Baier, wie sog. „Lebensschutz“ genau das Gegenteil bewirkt und Leben sogar gefährdet. Dr. Alicia Baier beschreibt, wie die Instrumentalisierung des Embryos dazu dient, Kontrolle über Frauenkörper aufrechtzuerhalten. Dr. Alicia Baier weist darauf hin dass bei Debatten um den Paragraphen 218 oft Schwarze Frauen, queere Menschen, behinderte Frauen, geflüchtete Frauen und migrantische Frauen oft nicht mitgedacht wurden, und deren Bedürfnisse auf Reproduktive Rechte nicht berücksichtigt wurden. In der 3. Welle des Feminismus ändert sich das langsam.
Alicia Baier weist zurecht darauf hin, dass wenn sich die feministische Bewegung nicht glaubwürdig für die Rechte von behinderten Menschen einsetzt, dass dies dann ein riesen Einfallstor für die sog. Lebensschützer ist, denn diese instrumentalisieren behindertenpolitische Anliegen für ihre Zwecke, um ihre christlich fundamentalistische Agenda durchzusetzen.
Anmerkung: Ein Bindeglied zwischen der Behindertenbewegung und den sog. Lebensschützer*innen ist der CDU Politiker Hubert Hüppe. https://inklusion-statt-integration.de/selbstbestimmung-oder-kuscheln-mit-dem-lebensschuetzer-hubert-hueppe/
Die Autorin beschreibt auch sehr ausführlich, wie sich Abtreibungsgegnerinnen in den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens versuchen, Einfluss zu gewinnen. Mich hat dabei wirklich geschockt wie sie sogar bei Gynäkologie*innen Verbänden Einfluss gewinnen konnten und auch Funktionär*innenposten besetzen. Die Autorin stellt auch dar, wie eine schlechte Schwangerschaftsversorgung und dazu gehört auch die mangelnde Möglichkeit einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen Frauen dazu zwingt, in gewaltvollen Beziehungen zu bleiben, das hat mich richtig wütend gemacht. Eine der Möglichkeiten in Deutschland legal einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen ohne Zwangsberatung und ohne drei Tage Wartefrist ist die kriminologische Indikation, diese greift wenn eine Schwangerschaft durch serxualisierte Gewalt zustande kommt, für sie gilt aber wie bei der Beratungsregelung die 12. Woche als Frist. Dr. Alicia Baier weist darauf hin, welche Hürden es gibt, diese Indikation in Anspruch zu nehmen und sie weist auf die Folgen hin, im Schnitt werden nur 40 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr in Deutschland nach der kriminologischen Indikation gemacht, dem gegenüber stehen 140 Sexualstraftaten am Tag. Das dabei mit ziemlicher Sicherheit mehr als 40 ungewollte Schwangerschaften entstehen, sagt einem jedes logische Nachdenken.
Dr. Alicia Baier geht auch auf die internationale Situation bei Schwangerschaftsabbrüchen ein, sie beschreibt auch die internationale Vernetzung der Abtreibungsgegner*innen.
Dr. Baier Alicia beschreibt, auch sehr überzeugend, was wirklicher Lebensschutz ist welche sozialen Maßnahmen geeignet sind, dass die Geburtenrate nach oben geht. Im II Teil von Das Patriarchat im Uterus mit dem Titel Medizin und Alltag nimmt Dr. Alicia Baier die Leser*innen mit in ihre Praxis als Ärztin und beschreibt die konkrete Lebensrealität von ungewollt Schwangeren Personen. Sie nimmt uns mit in die konkreten Situationen, in denen Betroffene unter den bestehenden gesetzlichen und gesellschaftlichen Einschränkungen leiden und Wege suchen müssen, mit einer ungewollten Schwangerschaft und ihrem Abbruch zurechtzukommen.
Zuerst beschreibt sie eindringlich die schlechte Versorgungslage, durch die unzureichende Zahl an Ärzt*innen, die Abbrüche durchführen, und die bürokratischen und moralischen Hürden, die den Zugang zusätzlich erschweren. Dr. Alicia Baier beschreibt die Situation für schwangere Personen, die nach den starren Regeln der Beratungsregelung einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollen. Die Beratungsregelung schreibt vor, dass der Schwangerschaftsabbruch nur bis zur 12. Woche straffrei vorgenommen werden darf. Dr. Alicia Baier beschreibt, wie die Zwangsberatung und die drei Tage Wartefrist teilweise einen frühen Schwangerschaftsabbruch eher verhindern und warum viele Frauen es trotz klarer Entscheidung nicht schaffen, innerhalb dieser Fristen einen Abbruch durchführen zu lassen. Der Gang in die Niederlande ist für viele dann auch heutzutage noch der letzte Ausweg
Ein sehr wichtiger Abschnitt im Buch Das Patriarchat im Uterus ist aus meiner Sicht jener, in dem auf die besonderen Barrieren marginalisierter Gruppen hingewiesen wird z.B. Menschen, welche der Deutschen Sprache nicht oder nur eingeschränkt mächtig sind, arme Menschen, People of Colour, Menschen mit Fluchterfahrung und illegalisierte Menschen, Minderjährige, für unter 14. Jahren gilt eigentlich pauschal die kriminologische Indikation, erfreulicherweise werden auch Sexarbeiter*innen erwähnt, wo vor allem auf die mangelnde Anerkennung im Arbeitsrecht und weitere Stigmatisierungen von Sexarbeiter*innen durch die Gesellschaft hingewiesen wird, die eine Hürde darstellen, notwendige Schwangerschaftsabbrüche in Anspruch zu nehmen. Auch die mangelhafte medizinische Versorgung Queerer Menschen und die Auswirkungen beim Schwangerschaftsabbruch werden erläutert. Danach geht Dr. Alicia Baier noch auf die Situation von behinderten Menschen ein, wo oft die nicht vorhandenen barrierefreien Gynäkologiepraxen die Hürde darstellen und dann noch eine Praxis zu finden, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführt, ist sehr sehr schwer.
Leider wird Barrierefreiheit hier nur sehr eingeschränkt thematisiert, nämlich in Bezug auf Rollstuhl und Mobilitätseinschränkung.
Mich hätte insbesondere noch die Situation ungewollt schwangerer Personen mit Lernbeeinträchtigungen und die Situation von tauben Menschen in bezug auf Gebärdensprachdolmetscher*innen interessiert. Als letzte marginalisierte Gruppe geht Dr. Alicia Baier auch auf Menschen mit Traumaerfahrung oder psychiatrischen Erfahrungen ein, hier wird erwähnt, dass Pflichtberatung und Wartezeit zu Retraumatisierung führen können. Es folgen Abschnitte darüber welche Auswirkungen es hat das Ärzt*innen aus Gewissensgründen Schwangerschaftsabbrüche ablehnen dürfen und dass dies auch für ganze Kliniken gilt. Danach verdeutlicht Dr. Alicia Baier was getan werden muss, um frühe Schwangerschaftsabbrüche zu ermöglichen sie erläutert wie Hausärzt*innen und Hebammen vor allem in die medikamentösen Abbrüche einbezogen werden könnten. Dr. Alicia Baier macht darauf aufmerksam das durch Zwangsberatung und Wartefrist oft die Entscheidungsfreiheit der Patient*innen massiv eingeschränkt wird, weil z.B. die Frist, um einen Medikamentösen Abbruch durchführen zu dürfen (9 Woche) verstrichen ist, durch die schlechte Versorgungslage fällt auch oft die Entscheidung beim operativen Abbruch die Methoden Wahl weg.
Im nächsten Kapitel kritisiert Dr. Alicia Baier noch einmal die Zwangsberatung und die Wartefrist in diesem Zusammenhang macht die Autorin ein Gedankenexperiment wie es wäre wenn statt einer Zwangsberatung von Frauen die einen Schwangerschaftsabbruch machen lassen wollen es eine Zwangsberatung für Männer vor dem Vater werden geben würde, Dr. Alicia Baier fordert diese Beratung nicht, um das klar zu sagen, aber dennoch zieht sich bei mir bei dem Gedanken an eine solche Beratungspflicht als behinderte Person alles zusammen, Ich muss dabei an die eugenischen Eheberatungsstellen der Weimarer Zeit und des Faschismus denken. Die klare Forderung muss deshalb lauten keine Zwangsberatung.
Dr. Alicia Baier widmet dem Thema Schwangerschaftsabbruch nach der 14. Schwangerschaftswoche ein eigenes Kapitel und sie führt Gründe auf, warum eine Fristenlösung ungerecht ist, sie weist darauf hin, warum ein Schwangerschaftsabbruch nach der 14. Schwangerschaftswoche notwendig werden kann und das unabhängig von einer medizinischen Notlage. Aber nur wer eine medizinische Indikation bekommt, darf in Deutschland nach der 14. Woche legal einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Dr. Alicia Baier nennt Zahlen, nur 3 % der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland werden nach der 14. Woche vorgenommen. Alicia Baier verweist darauf, dass in Ländern, wo gar keine oder spätere Fristen gelten, es keine höhere Zahlen an Schwangerschaftsabbrüchen nach der 14.Woche gibt. Dr. Alicia Bayer stellt die These auf das Fristen sogar mehr Schwangerschaftsabbrüche erzeugen nämlich wenn im Zuge der Pränataldiagnostik eine Beeinträchtigung des Fötus festgestellt wird und dann übereilt ein Abbruch vorgenommen wird und nicht alle Untersuchungen abgewartet werden um dann eine informierte und selbstbestimmte Entscheidung zu treffen.
Dr. Alicia Baier weist darauf hin, dass die medizinische Indikation in den meisten Fällen vom Gesundheitszustand des Fötus abhängig gemacht wird, obwohl sie eigentlich auf den Zustand der schwangeren Person zugeschnitten ist. Medizinische Indikation (§ 218a Abs. 2): Der Schwangerschaftsabbruch bleibt straffrei und nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch notwendig ist, um eine Gefahr für das Leben oder die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren abzuwenden. Dr. Alicia Bayer schreibt, dass die Embryopathische Indikation, die explizit einen Schwangerschaftsabbruch aufgrund einer Beeinträchtigung des Fötus erlaubte, 1995 aus dem Gesetz gestrichen wurde. In 90% der Fälle, wenn eine Beeinträchtigung am Fötus nach der 14. Woche festgestellt wird, wird eine medizinische Indikation erteilt. Aber nur bei 40%, wenn andere Gründe vorliegen, die eine medizinische Indikation rechtfertigen, um eine Gefahr für das Leben oder die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren abzuwenden.
Anmerkung die Frage was haben wir durch die Streichung de Embryopathischen Indikation gewonnen wenn die Realität bei der Vergabe der medizinischen Indikation die ist die sie ist ausser einer verlogeneren Debatte zu mal schwangeren Personen bei denen eine Beeinträchtigung am Fötus festgestellt wird die Abtreibung oft sogar von Ärzt*innen angeboten, ja sogar nahegelegt wird. Deshalb kann die Forderung nur lauten: Weg mit den Indikationslösungen, komplette Streichung des §218 Dr.Alicia Baier geht noch weiter auf das Thema Pränataldiagnostik ein, dabei legt Dr. Alicia Baier ihre sehr sehr differenzierte Meinung zu Pränataldiagnostik dar sie spricht sich klar für die individuelle Entscheidungsfreiheit aus sich für Pränataldiagnostik zu entscheiden und sich dann für oder gegen ein behindertes Kind zu entscheiden, sie kritisiert aber zu recht eine Gesellschaft die durch nicht inklusive Strukturen dazu führt das sich so viele Eltern nicht in der Lage sehen ein behindertes Kind zu bekommen.
Dr. Alicia Baier bleibt in ihrem Buch nicht bei der Analyse der Verhältnisse stehen, sie macht sichtbar, wie es besser gehen könnte und sollte und sie steigt tief in die Ursachen dieser Missstände ein, von den hartnäckigen Abtreibungsmythen über Tabus in der medizinischen Ausbildung bis zu strukturellen Defiziten in der ärztlichen Weiterbildung deckt sie die Probleme auf. Sie arbeitet mit ihren eigenen Initiativen, z.B. der ersten deutschen Hochschulgruppe Medical Students for Choice an der Überwindung dieser Missstände aus dieser Initiative wiederum entstand ein Netzwerk von Ärzt*innen, die mit Papaya-Kursen praxisnah und enttabuisiert lehren, was an deutschen Universitäten noch immer zu kurz kommt. Die Notwendigkeit dieser Papaya-Kurse macht mich immer wieder sprachlos. Zum Ende Hin beschreibt Dr. Alicia Baier eindrucksvoll und erschütternd, welcher Stigmatisierung Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, ausgesetzt sind. Baier beschreibt den täglichen Kampf mit der Bürokratie, einem Arzneimittelgesetz, das medikamentöse Abbrüche unnötig erschwert, und die Anfeindungen durch Abtreibungsgegner:innen. denen viele Mediziner:innen ausgesetzt sind. Im Epilog wagt Dr. Alicia Baier einen Blick in eine bessere, ja fast visionäre Zukunft, in der die reproduktive Selbstbestimmung keine Forderung mehr ist, sondern eine gelebte Selbstverständlichkeit. „Das Buch Patriarchat im Uterus“ ist ein unverzichtbares Buch für alle, denen reproduktive Selbstbestimmung wichtig ist. Das große Plus von Das Patriarchat im Uterus ist seine intersektionale Perspektive. Das Patriarchat im Uterus ist eine absolute Empfehlung