1888 erschien der utopische Roman “Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887” von Edward Bellamy unter dem Titel “Looking Backward 2000 – 1887“ erstmals in den USA. “Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Bestseller in den USA. “Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 erschien auch in mehreren deutschen Übersetzungen – eine davon ist die hier zur Rezension genommene von Clara Zetkin aus dem Jahr 1914. Heute ist Edward Bellamys Werk nahezu vergessen. Er bezeichnete sich selbst nicht als „Kommunist“ oder „Sozialist“ sondern nannte sich selbst einen Nationalisten, der das öffentliche Interesse über den privaten Profit stellte. Heute würde man ihn wohl als Links-Populisten bezeichnen. Edward Bellamys wendet die Vorstellung
der Demokratie auf das Wirtschaftssystem an. Der seinem Wesen nach ineffiziente Kapitalismus muss dem Staat als einzigem Eigentümer des gesamten Kapitals und der gesamten Industrie weichen.
Das Vorwort von “Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887” ist eine Rede, die der Hauptprotagonist am 28. Dezember 2000 an der Historischen Sektion der Shawmut-Universität zu Bosten hält und über die Errungenschaften der neuen Gesellschaft spricht.
Die Handlung des utopischen Romans beginnt damit, dass der Protagonist Julian West, den Kapitalismus des Jahres 1887 beschreibt. Er nutzt dafür das Bild einer großen Kutsche, die von armen, leidenden Menschen gezogen wird. Oben sitzen die Reichen. Der Kutscher ist der Hunger. Obwohl die Menschen, die den Wagen ziehen, sichtlich an der Anstrengung leiden, steigen die Passagiere oben nie aus, selbst an den steilsten Wegstrecken nicht. Hoch über dem Staub und der Mühsal genießen diese Passagiere bequem die Landschaft, während sie sich darüber unterhalten, wie schwer es ist, gutes Hauspersonal zu finden. Der Protagonist Julian West war Teil der damaligen Bourgeoisie, er beschreibt die ab den 1870er Jahren sich zuspitzenden sozialen Probleme und wie die aufkommenden Streiks und die erstarkenden Arbeiterorganisationen ihm und seiner Klasse das Leben “schwer” machten. Nach einer ominösen Magnetismus-Behandlung gegen Schlafstörungen verfiel er 1887 in einen Starrkrampf und wachte erst nach 113 Jahre im Jahr 2000 in einer Welt der Solidarität und Kooperation wieder auf.
Er wacht im Haus der Familie Leetes auf, diese hatte ihn bei Arbeiten im Garten in einem abgeschlossenen Hohlraum, wo früher das Haus stand, in dem er lebte, gefunden. Sein Haus ist vermutlich abgebrannt, dabei ist sein Diener ums Leben gekommen, den er bedauerlicherweise in einem Satz mit dem N-Wort bezeichnet. In den ersten Tagen nach dem Erwachen spricht Julian West sehr viel mit Dr. Leetes und dessen Frau und Tochter Edith, so erschließt er sich nach und nach die neue Gesellschaft. Es geht um die Entwicklung vom Monopolkapitalismus des Jahres 1887 zum Staatssozialismus des Jahres 2000, um die allgemeine sozialistische Arbeitspflicht, der bis auf einige Ausnahmen alle zwischen 21 und 45 nachgehen müssen. Danach gehen sie in Rente und können so den Rest ihres Lebens ihren Hobbys widmen oder in die Politik gehen. Die Struktur der Arbeitswelt erinnert ein bisschen ans Militär, verschiedene Grade des Wissens und Könnens sind sehr hierarchisch, die einer zunehmenden Weisungsbefugnis entsprechen und im Oberhaupt, dem Präsidenten der USA, gipfeln. Wahlberechtigt sind nur Rentner*innen und gewählt wird der Präsident aus den Oberen Rängen der Arbeiterklasse. Dieses System ist aus meiner Sicht durch seine Hierarchie sehr anfällig für Arbeiter*innen Aristokraten und hat nichts mit sozialistischer Demokratie zu tun. Ausbildung und Berufswahl werden auch geschildert. Es geht um gleichen Lohn für alle bzw. eher um gleiche verfügbare Geldmittel für alle, diese Mittel werden den Menschen auf eine Karte gutgeschrieben. Die Arbeitszeit wird jeweils entsprechend den körperlichen Anforderungen der Arbeit angepasst. So sind die Schichten für körperliche Arbeit kürzer als die für weniger anstrengende Berufe. Es gibt keine Arbeitslosigkeit. Durch Dr. Leete erfährt Julian West, dass das Land durch die Konsolidierung von Kapital und Produktion unter einem einzigen Eigentümer tatsächlich mehr allgemeinen Wohlstand schafft, als es der Kapitalismus je könnte. Anstatt dass Unternehmen und Einzelpersonen gegeneinander konkurrieren, arbeiten die Menschen nun zusammen. Für körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen gibt es ein eigenes ausgeklügeltes System der Arbeitszuweisung, in dem alle nach ihren Fähigkeiten ihren Beitrag leisten können und müssen. Die Frage der Teilhabe wird nicht als moralische oder gar des Mitleids behandelt, sondern sehr rational. Von Inklusion zu sprechen ginge an den Tatsachen aber vorbei, vor allem, weil es eben ein Parallelsystem der Arbeitsorganisation gibt, so dass behinderte Menschen nicht in Konkurrenz zu nicht-behinderten Menschen treten müssen, aber bei gleichen verfügbaren Geldmitteln. Das ganze wirkt wie die Behindertengenossenschaften in der Sowjetunion.
https://inklusion-statt-integration.de/behinderte-menschen-in-der-sowjetunion-eine-rezension/
Im Roman gibt es auch einen Völkerbund, die meisten Länder sind sozialistisch organisiert, leider scheint auch hier der Rassismus der damaligen Zeit durch, indem beschrieben wird, welche Länder noch nicht auf dem “kulturellen Level” angekommen sind. Es geht auch um die Justiz, hier gibt es keine Gefängnisse mehr. Verbrecher gestehen ihre Vergehen meist selbständig, sonst droht ihnen die doppelte Strafe. Das kommt aber sehr selten vor und eigentlich ist Strafe auch eher Behandlung, denn (leider) geht mensch davon aus, dass Kriminalität vererbbar ist. (Find ich gruselig) Die meisten Straftaten haben sich mit Überwindung des Kapitalismus erledigt. Ein weiteres Thema ist Bildung und Schule, hier wird die Idee einer Gemeinschaftsschule für alle zwischen sechs und einundzwanzig Jahren angelegt. Die Ideen zu Talent und Begabung sind heute andere, interessant sind die Ansätze allemal. Es folgt ein Kapitel zur Überlegenheit der sozialistischen Produktivität, sehr ausführliche und einleuchtende Argumente.Thema ist auch die Frau und das Kind im Sozialismus. Die Frauen verfügen über dasselbe Grundeinkommen und sind ebenso in den Arbeitsprozess integriert, wie die Männer. Allerdings sind sie in einem parallelen System der Arbeitsorganisation zusammengefasst: Sie sind genauso verpflichtet, bis 45 zu arbeiten, wie die Männer, es sei denn, sie müssen sich um Kinder kümmern. Auch als großen Fortschritt wird die Hochzeit rein aus Liebe als Merkmal ab dem 20. Jahrhundert beschrieben, was auch zur moralischen Verbesserung der gesamten Gesellschaft beiträgt. Es geht dann auch noch um die Organisation von Religion. Was auch auffällt, den entscheidenden Fortschritt hat nicht die Arbeiter*innenklasse erkämpft, sondern progressive Patrioten in der sogenannten Nationalistenpartei.
Bellamy verknüpft die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft in den letzten Kapiteln des Romans mit einer Liebesgeschichte zwischen Edith und Julian West, sie ist die Urenkelin seiner Verlobten vor seinem 113-jährigen Schlaf. Dieser Teil des Romans ist mir etwas zu schwülstig geschrieben.
Fazit: Auffällig ist aus meiner Sicht, dass in Bellamys 20. Jahrhundert es nach wie vor selbstverständlich ist, dass die Frau und nur die Frau nach der Geburt eines Kindes eine Auszeit nimmt und dass andere Partnerschaftsformen als monogame, heterosexuelle Ehen offenbar nicht vorgesehen sind. Da bleibt der Autor leider Kind des 19. Jahrhunderts. Auch auffällig in der Frage des Völkerbundes, wo eine gewisse Überlegenheit weißer Menschen durchschimmert. Genauso als der Protagonist, bevor er einschläft, seinen Diener mit dem N Wort belegt, dies aber als er er sich im 20 Jahrhundert befindet und auf seinen ehemaligen Diener zu sprechen kommt nicht mehr tut, ob das eine bewusste reflektive Handlung des Autoren ist oder Zufall, mag ich nicht beurteilen. Die Fußnoten von Clara Zetkin fand ich meistens sehr hilfreich. Alles in allem, wenn man beim Lesen Zugeständnisse an die Zeit macht, in der das Buch verfasst wurde es erschien 1888 es ist ein sehr lesenswertes Buch. Das N-Wort sollte in zukünftigen Auflagen oder Einzeldrucken die im Print on Demand Verfahren erscheinen, gestrichen werden dann ist “Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887” ein empfehlenswertes Buch