Am 3. März 2026 erschien „Und jetzt queer! – Lesen jenseits der Norm“ von Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand, Tobi Schiller illustriert von Jasmina El Bouamraoui im Laykam Verlag.
Die Autor*innen des Buches “Und jetzt queer” stellen unter anderem folgende Fragen: Wenn es queere Literatur gibt, was macht sie dann aus? Gehört ein Roman mit queerer Nebenfigur von einer heterosexuellen Autorin dazu? Oder das Naturgedicht eines schwulen Lyrikers, das frei von queerem Inhalt ist? Und ist so eine Kategorisierung überhaupt sinnvoll – verschafft sie Sichtbarkeit oder wandern Werke so in eine Nische? Die Autor*innen finden auf diese und weitere wichtige Fragen rund um queere Literatur meist kluge Antworten. Dabei beanspruchen die Autor*innen nicht für sich, immer klare und allgemein gültige Aussagen zu treffen, sie machen vielmehr Vorschläge für weitere Debatten.
Der Ausgangspunkt der Autor*innen von „Und jetzt queer“ ist ein ausdrücklich politischer und von der aktuellen Situation geprägt. Queere Literatur ist vielerorts bedroht, wird zensiert und ihre Autor*innen verfolgt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat das Gendern in seiner Behörde untersagt. Auch die “Zirkuszelt-Aussage” von Friedrich Merz wird in der Einleitung zitiert.
Das Queere ist politisch, und das gilt entsprechend auch für die Literatur.Nachdem die Frage geklärt sind, warum es das Buch „Und jetzt queer!“ braucht und was queere Literatur ist, geht es um Repräsentation queerer Menschen in Literatur und Gesellschaft und dabei beleuchten die Autor*innen den Begriff der Respektabilität sehr kritisch und arbeiten heraus, wie es diejenigen Teile einer Minderheit, die am angepasstesten an die Mehrheitsgesellschaft sind, den Diskurs verengen. Hier dient den Autor*innen als Beispiel die Ehe für alle.
Dieses Phänomen, dass sich Teile von marginalisierten Gruppen dem herrschenden System anbiedern und nur minimalste Verbesserungen einfordern, gibt es in jeder marginalisierten Gruppe. Im nächsten Abschnitt des Buches geht es um die Geschichte der queeren Buchhandlungen und ihrer wichtigen aktivistischen Funktion.
Es wird auch die Frage gestellt, was es bedeutet wenn queere Bücher bei großen Buchhandelsketten verkauft werden, die auch kein Problem damit haben queerfeindliche Bücher zu verkaufen. Anmerkung von mir: und dann Bücher von trans Personen oder über trans Personen neben dem problematischen neuen Buch von Alice Schwarzer stellen.
Im Nächsten Abschnitt gehen die Autor*innen auf die Geschichte queerer Verlage in Deutschland ein. Es folgt ein Kapitel über Zensur und Verbote von queerer Literatur. Die Autor*innen gehen dabei erst auf die Zensur und Verbote von queerer Literatur in Afghanistan unter den Taliban ein. Es folgt ein Abschnitt über Zensur in den USA unter Trump, um dann einen Abstecher in die Geschichte der Zensur von Büchern ab dem Buchdruck zu machen. Um dann auf die Zensur und Vernichtung von Büchern im deutschen Faschismus einzugehen. Der Paragraph 175, mit dem die Faschisten homosexuelle Menschen verfolgten, stammte aus dem Kaiserreich, wurde aber von den Faschisten verschärft.
Es folgt ein Abschnitt über die Situation von queeren Menschen in der BRD, wo der Paragraph 175 abermals nochmal verschärft wurde. Warum auf die DDR nicht eingegangen wird, bleibt das Geheimnis der Autor*innen. In der DDR war die formal juristische Situation homosexueller Menschen besser als in der BRD. In der DDR wurde der Paragraph 175 in seiner Fassung vor der NS-Zeit zunächst übernommen, jedoch ab Ende der 1950er kaum noch angewendet. 1968 wurde er durch den § 151 ersetzt, der homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen entkriminalisierte, aber ein höheres Schutzalter für Jugendliche festlegte was bedeutet Volljährige durften heterosexuelle Kontakte mit Jugendlichen ab 16 haben. Bei homosexuellen Kontakten mussten die Jugendlichen 18 Jahre alt sein. Die strafrechtliche Sonderbehandlung endete mit der Streichung des § 151 im Jahr 1988. In der BRD kippte der 175 erst nach der Wiedervereinigung durch die Rechtsangleichung an ehemaliges DDR-Recht, was leider beim Paragraph 218 nicht gelang, da wurde DDR-Recht an das für Frauen schlechtere Recht der BRD angeglichen. Es folgt ein Abschnitt über die Zensur von queerer Literatur in Ungarn unter Orban. Weitere Abschnitte behandeln Zensur in China und Russland.
Im nächsten Kapitel geht es um verschiedene Genres und Formen von queerer Literatur. Hier möchte ich besonders auf die HIV- und AIDS-Literatur eingehen. Erst erscheinen in diesem Genre vor allem Sachbücher, erst nach einiger Zeit erscheinen fiktive Geschichten. Es werden hier auch konkrete Bücher aus diesem Genre vorgestellt. In diesem Kapitel geht es auch um Hetze gegen queere Menschen im Zuge der AIDS-Krise. Danach geht es um queere Klassiker und darum, ob ein queerer Bücher-Kanon notwendig ist, aber es geht auch um die Gefahren eines solchen Kanons. Es geht danach noch um queere Literatur außerhalb Europas und den USA, z.B. aus Japan. Der „unvollständige weltweite Streifzug“ durch queere Literatur beginnt mit einem sehr interessanten Interview zu queeren Werken sowie den kolonialen Dimensionen von Queerfeindlichkeit auf dem afrikanischen Kontinent. Dieser Abschnitt ist ultra wichtig. Es geht auch noch um weitere Länder von anderen Kontinenten. Es folgt ein kritischer Blick auf Lehrpläne. In diesem Kapitel geht es auch um das Buch Rico und Oskar und der Tieferschatten, das eines der meistgelesenen Bücher mit queeren Szenen im Schulkontext ist. Der Hauptplot des Buches handelt von Rico und Oskar. Rico ist lernbehindert, leider kann ich aus behindertenpolitischer Perspektive Oskar und Rico nicht empfehlen. Bianca-Maria Braunshofer beschreibt in diesem Kapitel, dass immer wieder Lehrkräfte in ihrer Buchhandlung nach Büchern für ihre Klassen suchen. In diesem kenntnisreichen Kapitel über queere Schullektüren, wirft sie einen kritischen Blick auf deutsche und österreichische Lehrpläne und Pflichtlektüren in Schulen. Bestandteil dieses Kapitels ist eine Umfrage zum Thema queere Literatur in Schulen. 44 Prozent der Befragten finden, queere Lektüre in der Schule sei „sehr wichtig“ und geben an sie würden „dieses Thema bereits behandeln“, leider hatten von 160 angeschriebenen Lehrer*innen nur 91 überhaupt geantwortet. In der Liste an Büchern, die Bianca-Maria Braunshofer für die Schule empfiehlt, empfiehlt sie auch ein weiteres Buch mit einer behinderten Protagonistin einer Autistin
Ein illustriertes Portrait über den jeweiligen Kapiteln macht klar, welche*r der Autor*innen es geschrieben hat. Die Schreibstile der Autor*innen unterscheiden sich, manche Kapitel etwa sind sehr persönlich und anekdotisch gehalten, manche eher sachlich und nüchtern. Es ist aber nicht so, dass diese Stilzuschreibungen jeweils einer*m Autor*in zuzuschreiben wäre, es kommt eher aufs Thema an. So kommt es zu verschiedenen Perspektiven. Die Illustrationen von El Boum sind wunderschön. Den drei Autor*innen gelingt der Spagat zwischen Verständlichkeit und Anspruch meistens. Das Buch enthält ein Glossar mit Begriffen von Ally bis Transition, das sich vor allem an eine nicht-queere Leserschaft richtet.
Die Autor*innen von Und jetzt queer
Marlon Brand: Instagram @booksaregayasfuck, Blog https://booksaregayasfuck.de/ Bianca-Maria Braunshofer: Instagram http://@biancamangata Buchhandlung https://www.o-books.at/ Tobi Schiller ist Redakteur, Autor und Literaturvermittler, https://www.instagram.com/tobiborns/
https://inklusion-statt-integration.de/behinderung/buechern-filmen-spielsachen/
Ich empfehle “Und jetzt queer” aus voller Überzeugung