„Kissing Lessons“ von Helen Hoang – eine Rezension

Am 15.10.2019 erschien „The Kiss Quotient“ von Helen Hoang in Deutsch unter dem Titel „Kissing Lessons“. Ich frage mich, warum bei der deutschen Ausgabe nicht der originale englische Titel bleibt, sondern ein anderer, aber ebenfalls englischer Titel gewählt wurde; das ergibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn. Auch das Original-Cover fand ich besser. Die Hauptprotagonistin ist die 30-jährige Stella. Stella ist Autistin und eigentlich ist sie mit ihrem Leben vollkommen zufrieden. Sie liebt ihre Arbeit. Doch eines Morgens, als Stella mit ihren Eltern Frühstücken ist, fängt ihre Mutter wieder mal mit dem Thema Dating an und äußert, dass sie jetzt bereit seien für Enkelkinder. Sie meint sich und Stellas Vater. Stella will eigentlich keine Beziehung, keine Dates und keinen Sex. Sie fühlte sich bei all dem einfach unwohl. Weil aber ihre Mutter nicht locker lässt und ein sexuell sehr aktiver Kollege meinte, ihr fehle vielleicht einfach die Übung, beschließt Stella, genau das auszuprobieren. Stella heuert Michael an, einen professionellen Escort und will von ihm Küssen und Sex lernen. Die Leser*innen lernen Michael bei den Vorbereitungen zu dem Treffen mit Stella kennen, er arbeitet nebenberuflich jeden Freitag als Escort. Er macht den Job, um noch Geld nebenher zu verdienen, weil sein Geld sonst nicht reichen würde, um alle Rechnungen zu bezahlen und weil er gut im Job ist, wie er selber sagt. Michael findet Stella sofort anziehender als seine anderen Kundinnen. Michaels Regel ist eigentlich, sich mit einer Kundin nur einmal zu treffen; diese Regel bricht er bei Stella und lässt sich auf insgesamt vier Sitzungen ein. Die erste Sitzung ist voller kleiner Missverständnisse und Stella kann sich nicht wirklich fallen lassen, kann ihren Ekel vor Küssen aber überwinden. Beim zweiten Treffen sind sich beide schon vertrauter und Stella vergisst kurz sogar ihren Lernplan, den sie extra geschrieben hatte. Sie lässt sich mit großer Hingabe weiterhin aufs Küssen ein, obwohl es für sie erst einmal abgehakt war, nachdem Michael meinte, sie mache das sehr gut; denn sie wollte ja bloß lernen und sie war überzeugt, dass küssen sie nur aufhalten würde, die anderen Schritte zu lernen, die zu gutem Sex dazu gehören. Beim dritten Treffen gehen die beiden erst gemeinsam feiern… Durch die Reizüberflutung und eine falsch interpretierten Szene zwischen Michael und einer Ex-Kundin hat Stella einen Meltdown. Dies wiederholt sich, nachdem Stella die Familie von Michael kennenlernt. Trotz dieser Szenen verlängern die zwei ihr Verhältnis und weiten es sogar auf eine “Übungsbeziehung“ aus. Wer mehr erfahren will, muss das Buch „Kissing Lessons“ lesen.

Negativ aufgefallen ist mir, dass sich eine Aussage von Helen Hoang indirekt als Narrativ durch die ersten Kapitel zieht, nämlich dass sie schon lange eine „Pretty Woman“-Geschichte mit vertauschten Geschlechterrollen schreiben wollte, aber ihr kein Grund eingefallen ist, warum eine erfolgreiche Frau einen Escort in Anspruch nehmen sollte. Deshalb durfte Stella auch keine völlig mit ihrer Sexualität zufriedene neurodivergente Frau sein, sondern musste eine Frau sein, bei der die Neurodivergenz der Grund des Übens ist. Von einer nicht autistischen Autorin wäre dies unverschämt; da die Autorin selbst Autistin ist, wirkt es auf mich wie tiefsitzender internalisierter Ableismus. eide Entwickeln relativ schnell Gefühle füreinander,sagen sich das aber nicht, sondern fressen es bis zur Selbstabwertung in sich hinein vor allem Stella wertet sich selbst extrem ab. 

Stella verbirgt ihren Autismus lange vor Michael und er verschweigt ihr lange ein Familiengeheimnis. Dieser Umstand geht bis an die Grenze des Nervigen. Der Autismus von Stella wird so sehr individualisiert und problematisiert. Mir war das Buch „Kissing Lessons“ zu lang aber es wird aufgrund seiner über weite Strecken glaubwürdigen Repräsentation seine Leser*innen zurecht weiterhin finden. Für die Glaubwürdigkeit bei der Figurenbeschreibung von Stella, ihren Schwierigkeiten, bei Kommunikation oder der Reizüberflutungen, die sie überfordern, ist es von Vorteil, dass die Autorin Autistin ist, denn sie weiß von was sie schreibt. „Kissing Lessons“ ist mit ein paar Einschränkungen eine Empfehlung

 

                                                                                                                                                             

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https://www.lovelybooks.de/autor/Helen-Hoang/reihe/KISS-LOVE-HEART-Trilogie-in-Reihenfolge-2308146897/

 

                                                                                                                                                             

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